Promis im Fußballfernsehen

Dem Volk so nah

Fußball ist Volkssport. Fernsehen ist Volkssport. Für Politiker, die sich beliebt machen, oder für Prominente, die sich mal wieder ins Gespräch bringen oder eines ihrer Produkte bewerben wollen, ist Fußball plus Fernsehen also eine schier unwiderstehliche Kombination – und der Sport1 Doppelpass die erst Adresse.

Wer sich volksnah präsentieren will, der präsentiert sich beim Fußball. Deshalb gibt es Bilder von Angela Merkel in der Umkleide der Nationalmannschaft. Deshalb weiß man von Wolfgang Schäuble, dass er Fan des SC Freiburg ist. Deshalb lässt sich Gerhard Schröder immer mal wieder auf der Tribüne bei Hannover 96 sehen und deshalb saß Otto Schily in der ersten Reihe, als die WM 2006 nach Deutschland vergeben wurde.

Fußball und Politik waren immer schon verwoben. Der kürzlich verstorbene ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder etwa war als CDU-Politiker Kultus- und Sportminister sowie Finanzminister in Baden-Württemberg. Reinhard Grindel, aktuell Nachfolgekandidat für Wolfgang Niersbach als DFB-Präsident, sitzt für die CDU im Bundestag und ist Vorsitzender des Sportausschusses. Als solcher soll er auch an der Aufklärung möglicher Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe des »Sommermärchens« mitwirken. Das Sprichwort vom Bock und dem Gärtner drängt sich beinahe unweigerlich auf – aber wir sind beim Fußball und dem gemeinen Fußballfan ist der Verweis auf solche Dinge ja eher lästig.

Sagen wir also einfach: Die Zahl der Personen mit einem Posten oder Pöstchen in der Politik, die gleichzeitig auch mal einen Posten oder ein Pöstchen im Fußball hatten, ist groß. Und früher mal, als erstens die Politikverdrossenheit noch nicht so ausgeprägt war und Sportler zweitens noch keine Angst hatten, sich mit politischen Aussagen ihre Werbeverträge zu zerschießen, da gab es auch noch Fußballer mit so etwas wie einer Haltung.

Meist war diese Haltung stramm konservativ. Berti Vogts erklärte einst, er befürworte die Todesstrafe (was er inzwischen revidiert hat), Pierre Littbarski sollte als Wahlmann der CDU für Bundespräsident Richard von Weizsäcker stimmen, eine ganze Reihe anderer Fußballprofis machten sich offen für die Christdemokraten oder, im Fall der Münchener Bayern, für die Christsozialen stark.

Dezidiert »Linke« waren im Fußballgeschäft hingegen stets rar gesät. Der ehemalige Bremer Manager Willi Lemke etwa zelebrierte sich und seine Dauerfehde mit Uli Hoeneß so inbrünstig (und eitel), bis daraus eine Art moderner Klassenkampf geworden war. Und Sankt Paulis Trainer Ewald Lienen scheint mit über 60 als Trainer endlich da angekommen zu sein, wo er gefühlt schon immer hingehörte.

Ansonsten gab es allenfalls noch ein paar »Salon-Rote« wie Paule Breitner (der es heute nie gewesen sein will) oder Rudi Völler. Der tätschelt heute Reporterinnen jovial den Arm und sagt herablassend »Ist gut«, wenn ihm eine Frage nicht passt, und ist auch sonst ein Freund des berüchtigten »Klartexts«.

Überhaupt ist »Klartext« das, was Fußballer bevorzugt auszeichnet. Lothar Matthäus bekam dafür diverse Fernsehformate, die keiner sehen wollte. Eike Immel (Unterstützer der baden-württembergischen CDU im Landtagswahlkampf 1989) zog ins »Dschungelcamp«. Selbiges machte zuletzt auch Germany’s Next Chuck Norris Thorsten Legat unsicher. Wo genau der entlang der Querfront steht, ist nicht ganz klar, aber Hauptsache ist ohnehin die männlich-markante »klare Kante«. Inhalte sind irgendwas zwischen nachrangig und hinderlich.

Haltung unter Fußballern erschöpft sich inzwischen darin, dass sie nach Terroranschlägen ihr Facebook-Profilbild blau-weiß-rot einfärben und das an Betroffenheitsphrasen dreschen, was eben alle dreschen. Sie versuchen nicht mehr zu beweisen, dass sie mehr können als kicken, sich für mehr interessieren als (ihren) Sport, was auf dem Kasten haben.

Vielleicht, weil sie im Gegensatz zu früheren Spielergenerationen tatsächlich im Schnitt gebildeter sind, selbstbewusster und gefestigter sind. Vielleicht aber auch, weil sie als Fußballer nicht mehr heraus müssen aus ihrer Nische sondern alles und jeder in ihre Nische drängt und die Beliebtheit des Fußballs für sich auszunutzen versucht.

Das lässt sich an Fußball-Talkshows wie dem Sportschau-Club oder dem sonntäglichen Doppelpass gut beobachten. Bei Sport1 sitzt öfter mal Edmund Stoiber (CSU, Aufsichtsrat beim FC Bayern München). Oder Boris Becker (früherer Tennisprofi, Aufsichtsrat beim FC Bayern München). Oder Helmut Markwort (FDP, Focus-Mitherausgeber und Beirat des FC Bayern München).

Manchmal ist auch Oliver Pocher (Comedian, Moderator, Fan von Hannover 96) im Doppelpass zu Gast. Aber bei dem muss man aufpassen. Der ist tatsächlich öfter mal witzig und außerdem in seiner Spontaneität und Ehrlichkeit unberechenbar. Diese Form von Klartext ist heikel.

Meine beiden absoluten Senkrechtstarter unter den auf der Fußballwelle surfenden Promis sind jedoch Wolfram Eilenberger und Wolfgang Bosbach.

Eilenberger (Philosoph und Fan des FC Bayern München) hat sich mit der einen steilen These, wonach Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp – und nicht etwa der deutsche Rekordmeister unter dem kultisch verehrten Steuersünder Uli Hoeneß – sektenartige Züge trüge, vom belächelt schwurbelnden Fußballkolumnisten der ZEIT über ULTRA – Aus Liebe zum Fußball bei Tele5 bis in den Doppelpass katapultiert. Das ist quasi der Durchmarsch von der dritten in die erste Liga.

Heute schreibt Eilenberger für den Spiegel ebenso wie für die WELT und er sitzt bei phoenix in Talkrunden zum Thema Korruption im Fußball ebenso wie in solchen zum Thema »Übergriffe in Köln«. Für ihn hat sich das Trittbrettfahren mit dem Fußball auf jeden Fall gelohnt.

Bosbach (CDU, »Merkel-Kritiker« und Gründer eines FC-Köln-Fanklubs im Bundestag) scheint derweil zur festen Besetzung der immer etwas krawalligen und damit einem Fußballstammtisch nicht gänzlich unähnlichen Talkshow Hart aber fair zu gehören. Wenn er sich ansonsten nicht gerade im Doppelpass bei seinem Wahlvolk lieb Kind zu machen versucht, sieht man ihn auch schon mal in Spielshows wie Klein gegen Groß. Bei Fußballfans und Zuschauern einer Unterhaltungssendung für Kinder ist er als Politiker konkurrenzlos.

Fraglos ein Tiefpunkt des Doppelpass war am vergangenen Sonntag erreicht, als Til Schweiger zu Gast war, um den im Kino anlaufenden Teil seiner Tatort-Trilogie zu bewerben.

Zugegeben, es war ein blödes Wochenende für den Fußball: Angelique Kerber hatte am Morgen die Australian Open gewonnen, die deutschen Handballer standen sensationell im Finale der Europameisterschaft, Bayern München hatte noch nicht gespielt und über den »Maulwurf« an der Säbener Straße wollte man anscheinend nicht so recht berichten. (Die Sache ist ja de facto auch nur aufgebauschter Mumpitz.)

Fachlich über Fußball reden hätte man freilich trotzdem können, schließlich saß Gladbachs Trainer André Schubert in der Runde. Aber der durfte im Prinzip nur wiederholen, was er schon zig mal gesagt hat – dass er über seine früheren Fehler beim SC Paderborn und beim FC Sankt Pauli nachgedacht und sich geändert habe nämlich. Denn merke: Kein anderer Trainer macht auf seinen Stationen Fehler, lernt dazu und korrigiert sich. Nur André Schubert. Deshalb genügt es auch vollkommen, nur André Schubert damit zu konfrontieren. Das dafür dann aber in jedem verdammten Interview.

Über Schweigers fußball-fachliche Äußerungen will ich mich gar nicht weiter auslassen. Diesen Elfmeter ohne Torwart haben andere schon verwandelt. Also erspare ich mir diese ohnehin zu leichte Übung.

Schweiger saß im Doppelpass, um seinen Film zu promoten. Dazu tat er genau so viel, wie er tun musste. Wenn er angesprochen wurde, antwortete er mit der für die Sendung opportunen Mischung aus unverbindlich-lockerer Nettigkeit und eben dem berühmt-berüchtigten Klartext.

So erfuhren wir, von welchem Klub Til Schweiger Fan ist. Überraschung: Es ist der FC Bayern München. Aber Schweiger mag auch den BVB und Borussia Mönchengladbach. So viel dazu.

Moderator Thomas Helmer scheiterte derweil ziemlich kläglich daran, dem Star seine Werbeplattform zu bieten, gleichzeitig irgendwie noch über das eigentliche Thema der Sendung zu reden und zu kaschieren, dass es sich um eine PR-Veranstaltung handelte.

Erschwert wurde ihm seine Aufgabe allerdings auch dadurch, dass Schweiger augenscheinlich komplett abschaltete, wenn er nicht an der Reihe war. Einen von Schuberts grünen Kult-Hoodies auf dem Schoß, als säße er im Regen an einer unüberdachten Bushaltestelle, hockte er ungefähr mit dem selben Enthusiasmus im Doppelpass wie Tom Hanks seinerzeit in Wetten, dass …?.

Und wir wissen alle, was aus dieser Sendung anschließend geworden ist.

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