Relegation abschaffen!

Not gegen Elend

Die Relegationsspiele zwischen dem Hamburger SV und der Spielvereinigung Greuther Fürth haben einmal mehr gezeigt, dass die künstliche Saisonverlängerung schleunigst wieder abgeschafft gehört. Am Ende wurde der bestraft, der sich 34 Spiele lang für die Bundesliga qualifiziert hatte, und der belohnt, der 34 Spiele lang eine Bewerbung für die Zweitklassigkeit nach der anderen abgegeben hatte – und auch in den Entscheidungsspielen größtenteils nur Antifußball bot. 180 Minuten Abspiel- und Stellungsfehler, Lamentieren und Zeitspiel, das braucht kein Mensch!

Ich erinnere mich noch, wie ich 2011 mit Patrick Holtheuer an seinem Stand der Audionarchie auf der Leipziger Buchmesse stand. Es war das Wochenende, an dem Borussia Mönchengladbach sein Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 0:1 verloren hatte – so wie die Fohlen in dieser Saison eigentlich alle Spiele gegen Mannschaften auf Augenhöhe oder direkte Konkurrenten im Abstiegskampf verloren. Gegen St. Pauli gab es ein 1:2 und ein 1:3, gegen Wolfsburg ein 1:1 und 1:2, in Frankfurt ein 0:4, in Stuttgart ein 0:7.

An diesem Wochenende auf der Leipziger Buchmesse schrieben Patrick und ich unsere Borussia ab. Nach 27 Spieltagen hatte Gladbach fünf Punkte Rückstand auf den FC St. Pauli und sogar derer acht auf Eintracht Frankfurt. Ich weiß bis heute nicht, wie sich Gladbach noch retten konnte. Ich habe keine Erinnerung an eine fulminante Aufholjagd. Ich habe keine Erinnerung an tolle Relegationsspiele. Als Fan habe ich die Relegation und den Klassenerhalt eher mitgenommen, weil es sie halt gab – so wie Schalke 04 immer Champions League gespielt hat, obwohl sich Manager Rudi Assauer stets dagegen ausgesprochen hat, Nicht-Meister in der Königsklasse spielen zu lassen. So oder so: Ich nehme an, die Relegation 2011 war für alle, die nicht Fan von Gladbach oder Bochum waren, eine ähnliche Zumutung, wie für mich die Relegation in diesem Jahr.

Seien wir mal ehrlich: Eigentlich müsste es in dieser Saison vier Absteiger geben. Neben Eintracht Braunschweig (denen ich zugute halte, dass sie wenigstens in jedem Spiel gekratzt, getreten und gebissen haben, dass sie gelaufen sind wie die Hasen und immer einen Plan hatten) müssten auch alle drei Drei-Trainer-Verschleißer (Hamburg, Nürnberg und Stuttgart) runter – wegen erwiesener Konzeptlosigkeit in besonders schweren Fällen. Und aufsteigen dürfte eigentlich nur der 1. FC Köln. Denn bei allem Respekt vor dem SC Paderborn 07: Dass eine Mannschaft, die bis zum zehnten Spieltag in der Zweiten Liga noch in akuter Abstiegsgefahr steckte, am Ende vor Kaiserslautern, Düsseldorf, 1860 München oder dem VfL Bochum landet, spricht vielleicht nicht unbedingt für die Qualität der Liga – ebenso wenig übrigens wie die Tatsache, dass sich mit dem Karlsruher SC ein Aufsteiger bis kurz vor Saisonende Hoffnungen auf den Durchmarsch machen konnte, oder mit Darmstadt 98 nun ein sportlich bereits abgestiegener ehemaliger Quasi-Viertligist in Liga 2 aufgestiegen ist.

Klar, das ist der Stoff, aus dem im Fußball die Träume sind. Dortmunds Hans-Joachim Watzke sieht in den Erfolgsgeschichten von Eintracht Frankfurt oder des SC Freiburg, die als Aufsteiger bzw. Abstiegskandidaten bis in die Europa League kamen, einen Beleg für die Durchlässigkeit in der deutschen Bundesliga. Mag sein, dass die Verhältnisse hierzulande (noch) nicht so zementiert sind wie etwa in England, wo Rekordmeister Manchester United in der kommenden Saison erstmals seit 18 (!) Jahren nicht an der Champions League teilnehmen wird.

Ich sehe es bei aller Anerkennung für die diversen Überraschungsmannschaften der letzten Jahre nicht so positiv. Die Bundesliga jenseits der Bayern ist allenfalls spannend, weil schwankend in ihren Leistungen und im Niveau, doch die Qualität hat insgesamt eher nachgelassen. »Abstiegskampf ist die neue Meisterschaft« war eine Parole der Verzweiflung, ausgegeben von den Medien, die mit dem Produkt Erstligafußball ihr Geld verdienen (müssen). Tatsache aber bleibt, dass diese »neue Meisterschaft« ein Rennen der Unzulänglichkeiten war. Stuttgart gewann keines seiner letzten drei Spiele und duselte sich mit 32 Punkten und mehr als der Hälfte an verlorenen Saisonspielen über die Ziellinie, während der Hamburger SV seinen Relegationsplatz trotz fünf Niederlagen aus den letzten fünf Saisonspielen (bei 21 Saisonniederlagen!) halten konnte. Das ist eine Bilanz des Grauens, die nicht für das Niveau des deutschen Fußballs spricht.

In Hamburg werden sie sich sagen, alles egal, Hauptsache die Klasse erhalten. Sie werden sich sagen, in der neuen Saison kann es nur besser werden, wenn Trainer Mirko Slomka eine komplette Saisonvorbereitung mit der Mannschaft absolvieren kann, wenn die Verunsicherung und Nervenbelastung weg ist und wenn die Verletzten wieder mit an Bord sind. Und vielleicht kann der gerettete Bundesliga-Dino ja tatsächlich so durchstarten, wie Borussia Mönchengladbach nach dem über die Relegation geschafften Klassenerhalt durchgestartet ist – mit einem René Adler im Tor, einem Marcell Jansen und einem Johan Djourou in der Abwehr, einem Rafael van der Vaart im Mittelfeld und im Sturm … nun ja, mit wem auch immer. Vielleicht kommt der große Zweikämpfer Slobodan Rajkovic zurück, vielleicht der flinke Maxi Beister, vielleicht macht Artjoms Rudnevs wieder seine Tore.

Dann wird niemand mehr über die erbärmlichen 27 Punkte in dieser Saison reden, klar. Aber das macht das Gewürge, Gebolze und Gegurke in der Relegation nicht besser. Relegationsspiele sind ein einziger Krampf und haben mit gutem Fußball nichts zu tun. Häufig kommt es obendrein zu Ausschreitungen. Das »Skandalspiel« von Düsseldorf wurde medial sicherlich aufgebauscht, gleichwohl sprachen sich beteiligte Polizisten danach klar für eine Abschaffung der Relegation aus.

Dem schließe ich mich an. Relegation macht keinen Spaß. Relegation ist nur eine unnötige Verlängerung der Saison, damit die Fernsehsender (aktuell die ARD und ihre dritten Programme) mehr Livespiele bekommen. Dann schon lieber die erste und die zweite Bundesliga auf 20 Vereine aufstocken wie in England, Frankreich und Italien und die letzten beiden Spieltage jeweils live für alle in der Konferenz zeigen!

Dieser Beitrag wurde unter Bundesliga, Zweite Bundesliga veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>