Robert Enke. Ein Jahr danach.

Nichts gelernt?

»From all this you’d imagine there must be something learnt« singt Pete Townshend in seinem Lied Slit Skirts aus dem Jahr 1984. Ja, man sollte in der Tat meinen, es habe einen Lerneffekt gegeben nach dem Freitod Robert Enkes, der sich im November zum erstem mal jährt. Beschworen worden ist das große Umdenken ja hinlänglich. Nun gehört es wohl zum Wesen unserer heutigen Gesellschaft, dass sie sich im Umgang mit Gefühlen schwer tut, in die Extreme geht und möglichst dick aufträgt. Bestes Beispiel sind die Doku-Soaps von RTL2, in denen Menschen regelmäßig nur streitend, pöbelnd, weinend, hysterisch oder sich in den ganz großen Gesten von Versöhnung und Freundschaft ergehend dargestellt werden. Früher hätte man das Schmierentheater genannt. Leise Zwischentöne sucht man bei uns heute allzu oft vergeblich. Stirbt etwa ein Michael Jackson, verfallen wir kollektiv in Heulen und Zähneklappern. Uns eigentlich unbekannte Prominente können wir mit Inbrunst betrauern, wo uns im Alltag das Gespür und die Fähigkeit für Gefühlsregungen fehlt.

Ein Blick zurück wird deshalb beinahe zwangsläufig zu einem Blick zurück im Kopfschütteln. Schon im Januar hatte die BILD-Zeitung mal eben an alle vierzehn im Spiel gegen Hertha BSC eingesetzten Akteure von Hannover 96 (!) die Note 6 verteilt. Das ZDF kündigte Toni Kroos vor seinem Auftritt im Aktuellen Sportstudio als »das größte Talent im deutschen Fußball« an, ließ einige Monate später auch das Schalker Talente-Trio Matip, Schmitz und Moritz einen nach dem anderen mit Einlaufmusik, Lichteffekten und reichlich Trockeneisnebel auftreten. Nun haben alle Beteiligten zwar ihre Interviews anschließend souverän und wohltuend nüchtern absolviert, aber auch einem Sebastian Deisler hat man seinerzeit nicht angesehen, wie sehr ihn der Rummel um die eigene Person gequält hat. Gerade in Bezug auf einen gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender mit traditionell eher gediegenem Publikum, der eigentlich nicht auf Quoten angewiesen ist, drängt sich da die Frage auf, ob es so aussieht, wenn sich Medien in Zurückhaltung üben. Ist das der berühmte »flach gehaltene Ball«?

Regelrecht angeschossen wirkte zwischenzeitlich auch der DFB in Person von Präsident Dr. Theo Zwanziger. Erst der Handschlagvertrag mit Bundes-Jogi Löw, der dann doch keiner war oder gewesen sein soll, dann die »Affäre« um Manfred Amerell und die mutmaßliche Belästigung des Schiedsrichters Michael Kempter. Dabei war doch gerade in Bezug auf den Bundestrainer eigentlich nichts passiert. Es hatte ein Missverständnis gegeben, wie es unter Normalbürgern im Alltag tausendfach vorkommt. Einer war voreilig vorgeprescht mit einer vermeintlichen Erfolgsmeldung und musste sich dann revidieren. Das alles war eigentlich nichts, was erwachsene Menschen nicht in einem vernünftigen Gespräch wieder klären können und genau das ist dann ja auch geschehen. Medial gemacht aber wurde daraus eine »Gefährdung« der Weltmeisterschaft in Südafrika und wenn schon nicht das, so doch eine der anschließenden EM-Qualifikation. Heute wissen wir, die WM war erfolgreich und die Qualifikation zur Europameisterschaft verläuft bislang optimal. Und, mal ehrlich, so völlig überraschend ist das ja wohl nicht. Denn erstens ist eine WM für jeden Profi das große Ziel, das für viele ein buchstäblich einmaliges Ereignis bleibt, und zweitens hatten Löw & Co. noch bis nach dem Turnier in Südafrika Vertrag. Man hätte also getrost davon ausgehen können, dass er seinen Aufgaben bis zum Schluss nachkommen würde. Schließlich bietet sich auch einem Trainer nicht alle Tage die Chance, den größten Titel im Fußball zu holen.

Gleich völlig katastrophal mutete das »Krisenmanagement« in Bezug auf die Vorwürfe gegen Ex-Schiedsrichter Amerell an. Aus der »Affäre Daum« des Jahres 2000 hatte man beim DFB (und anderswo) offenbar rein gar nichts gelernt. Denn auch wenn Uli Hoeneß jetzt nicht mehr Manager des FC Bayern München ist und man sich medial darauf geeinigt zu haben scheint, dass er der gute Mensch vom Tegernsee ist, bleibt sein damaliges Vorgehen nach rechtsstaatlichen Grundsätzen falsch. In Deutschland gilt (eigentlich und aus gutem Grund) die Unschuldsvermutung. Die »Affäre Daum« war in dieser Hinsicht ein Dammbruch, wie sich auch an den Vorwürfen gegen Manfred Amerell wieder gezeigt hat. Es stand stets Aussage gegen Aussage. Amerell war nicht einmal beklagt und noch viel weniger angeklagt. In einem Rechtsstaat ist das nämlich (wiederum eigentlich und aus gutem Grund) Sache der Staatsanwaltschaft. Die jedoch rührte sich angesichts der ungeklärten Faktenlage nicht nur nicht, sie sah offenbar auch noch nicht mal Veranlassung zu ermitteln. Um so mehr verwunderten angesichts dessen die eindeutigen Worte von Dr. Theo Zwanziger. Der Mann, der nach dem Tod von Robert Enke noch »ein bisschen mehr Menschlichkeit« gefordert hat, sprach davon, dass Amerell seine Funktionen sicherlich nicht ohne Grund ruhen lasse. Amerell wiederum gibt an, durch die Anfeindungen in der Öffentlichkeit zumindest gedanklich bereits dort gewesen zu sein, wo leider auch Robert Enke gewesen ist. Das allein ist schon bedenklich. Dass die Medien über das Vorliegen einer Straftat und das Ermitteln des vermeintlich Schuldigen spekulieren, mag unvermeidlich sein. Wenn sie jedoch darüber entscheiden, ist es schlankweg eine Katastrophe. Den Weg über die Öffentlichkeit zu wählen, war deshalb von allen Beteiligten falsch. Selbst wenn es zwischenzeitlich einmal so ausgesehen haben sollte, als hätten sich die Vorwürfe gegen den ehemaligen Funktionär »bekräftigt« (sic.), gehörte diese Einschätzung nicht an die Öffentlichkeit.

Als Michael Ballack zuletzt ausgerechnet in Hannover nach einem Foul verletzt vom Platz musste und von den Zuschauern mit den leider üblichen gehässigen »Auf Wiedersehen«-Rufen verabschiedet wurde, war der Alltag endgültig wieder eingekehrt. ARD-Reporter Waldemar Hartmann wies im Doppelpass auf Sport1 zu Recht darauf hin, dass vor nicht einmal einem Jahr an gleicher Stätte Zehntausende um Robert Enkegetrauert und sich eigentlich einen anderen Umgang mit einander geschworen hatten. Just jener Waldemar Hartmann allerdings hatte gegen Ende der Vorsaison auch behauptet, Hannovers Spieler seien »Profis« und der Tod ihres Mannschaftskameraden tauge mithin nicht mehr zur Erklärung für die arg schwankenden Leistungen der Elf. Wie sehr tatsächlich das Gegenteil der Fall war, bewiesen indes die Tränen von Florian Fromlowitz nach Ende des letzten Spieltags.

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