Rudi Völler: Absurde Kritik an Marcell Jansen

Völler im Normierungswahn

Die Drama Queen hat wieder zugeschlagen. Rudi Völlers Attacke-Ziel diesmal: Marcell Jansen. Der Grund: Jansen wagt es, seine Karriere im Alter von 29 Jahren zu beenden, obwohl er nicht Sportinvalide ist. Was die meisten Menschen respektieren oder zumindest schulterzuckend mit einem »Wer kann, der kann!« oder »Soll er doch!« hinnehmen, ist für Völler ein »Schlag ins Gesicht aller Jugendlichen, die gern Fußballprofi werden würden«. Jansen seinerseits hat auf die an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfe erfreulich gelassen und sachlich reagiert – und sich damit ganz nebenbei von einem abgegrenzt, der sich sein Leben lang nicht vom Fußball emanzipiert hat.

Ich hätte mir gewünscht, dass Marcell Jansen nach dem Auslaufen seines Vertrags beim Hamburger SV noch einmal zu Borussia Mönchengladbach zurückkehrt. Jansen ist ein Gladbacher Junge und meiner Ansicht nach würde der Borussia ein weiterer Linksverteidiger gut zu Gesicht stehen. Insofern hätte ich es echt gern gesehen, wenn »Cello« noch zwei, drei Jährchen im Borussia-Park aufgelaufen wäre.

Nun, wie wir alle wissen, ist es anders gekommen. Marcell Jansen hat seine Karriere beendet. Für viele kam der Schritt überraschend, aber ein Problem damit hatte eigentlich keiner – bis auf Rudi Völler. Das ist zunächst mal ja eine gute Nachricht: Die weitaus meisten Menschen haben auf Völlers aberwitzigen Vorwurf mit einem ungläubigen Lachen und einem Kopfschütteln reagiert und sich gefragt, wie viel Haferflocken man frühstücken muss, damit solche Grütze entsteht.

Der Witz ist, dass Jansens Entschluss ja noch nicht einmal ein Novum darstellt. Tobias Rau beispielsweise hat seine Profikarriere ebenfalls im »besten Fußballeralter« beendet, um Lehrer (!) zu werden. Noch mehr Beispiele gibt es in anderen Sportarten: Der Schwimm-Olympiasieger Mark Spitz war 22, als er seine Laufbahn als Berufssportler beendete. Franziska van Almsick war 26, als sie diesen Schritt unternahm, Magdalena Neuner gerade 25 geworden, als sie beschloss, die Öffentlichkeit künftig vornehmlich als Testimonial für Energieriesen zu beglücken.

All diese Leute hatten vielleicht nur das Glück, dass Rudi Völler nie gefragt worden ist, was er denn von ihnen und ihren Karriereentscheidungen hält. Vielleicht ist Völler aber auch einfach unberechenbar, unkontrolliert, das Fußball-Gegenstück zum Aluhutträger, der im Supermarkt aus der Tiefkühltruhe springt und Leute mit einer gefrorenen Regenbogenforelle attackiert. Was ihn antreibt, kann ich jedenfalls (vielleicht glücklicherweise) nicht beurteilen. Aber so leid es mir tut: Dieses Übertreiben, dieses Dramatisieren, diese Unsachlichkeit, dieses dauernde Sich-angegriffen-Fühlen finde ich schlicht prollig.

Ich glaube, dass ein Leben als hochbezahlter Profisportler nicht unbedingt dazu angetan ist, Menschen reifen zu lassen. In einem Alter, in dem andere Menschen eigenständig werden, Projekte, Teams, Filialen, Abteilungen oder sogar Firmen leiten, sitzt ein Fußballer in der Regel immer noch in der Kabine und lässt sich instruieren oder rüffeln wie ein Schulbub von einem Lehrer. Trainer sagen ihnen, was sie machen sollen. Berater sagen ihnen, was sie erzählen sollen und stecken sie wie Puppen im Zweifelsfall auch schon mal medienwirksam ins Trikot eines anderen Vereins, um einen Wechsel zu betreiben. Sie können sich alles leisten (oder glauben es zumindest) und haben für sämtliche Belange ihre dienstbaren Geister. Auto, Wohnung, Steuern: Sollen sich andere darum kümmern.

Stellvertretend sei an dieser Stelle Luca Toni genannt. Glaubt man dem kicker, entblödete der sich zuletzt vor dem Münchener Oberlandesgericht als eine Art 38-jährige Fußball-Barbie, der die eigene Unselbständigkeit noch nicht einmal peinlich ist.

Vielleicht reagiert Rudi Völler deshalb so angeschossen, weil er selbst diesen Typus verkörpert hat. Bayer Leverkusens Ex-Manager Reiner Calmund beschrieb »Rudi Nazionale« einst als Menschen, der auch mit Mitte 30 noch damit zufrieden war, sich nach dem Training eine Cola aufmachen zu können und ansonsten den lieben Herrgott einen guten Mann sein zu lassen.

Marcell Jansen hingegen sagt von sich, er habe stets die Wahl gehabt, nach dem Training nach Hause zu gehen, dort die Zeit totzuschlagen und abends irgendwo essen zu gehen oder aber, sich (auch beruflich) mit Dingen abseits des Fußballs zu beschäftigen.

Das widerspricht natürlich dem Bild des gestressten »Jungunternehmers« am Limit, das von heutigen Fußballprofis gern gezeichnet wird. Jansen sagt, Fußball habe ihn nicht ausgelastet. Jansen sagt, er hatte üppige Freizeit. Er konterkariert damit die Legende vom Fußballer, der mit dem Sport rund um die Uhr so beschäftigt ist, dass er sich nicht selbst um seine Belange kümmern kann.

Ich finde das ehrlich und begrüßenswert. Fakt ist nämlich, dass eine große Zahl von Fußballern nach der aktiven Laufbahn in ein Loch fällt. Trotz oder sogar wegen all der Berater haben nur die wenigsten ausgesorgt, viele dagegen sogar Schulden. Doch anstatt sich über Jansens Weitsicht zu freuen, watscht Völler – ganz getroffener Hund, der bellt – ihn ab. Und natürlich tut er das auf die schwarzweißmalerischste Weise, die möglich ist.

»So einer hat für mich den Fußball nie geliebt!«, urteilt Völler ausgrenzend und absolut. Er hätte auch sagen können: »Jansen ist keiner von uns!« oder »Du bist entweder für uns oder gegen uns!« Klar, selbstbestimmte Profis wie Jansen müssen einem Sportdirektor wie Völler ein Dorn im Auge sein. Die pflegeleicht-naiv-dümmlichen wie Luca Toni, die »nur Fußball spielen und Geld verdienen« wollen und das Kleingedruckte in den Verträgen vertrauensselig anderen überlassen, machen mutmaßlich weniger Arbeit.

Die Frage ist indes, ob Völlers Äußerungen seinem Arbeitgeber zum Vorteil gereichen. Bayer Leverkusen kämpft gegen das Image des »Plastikklubs« an und sein Sportdirektor fordert, dass Jansen etwas wider seine Überzeugung tut, dass er sich dem Geschäft unterwirft ohne es zu hinterfragen, dass er seinen Körper ausbeuten lässt, bis er ihm den Dienst versagt.

Ich habe es an anderer Stelle kürzlich schon einmal geschrieben und ich schreibe es hier noch einmal: Wir befinden uns meiner Meinung nach momentan in einem regelrechten Normierungswahn. Aus jeder individuellen Entscheidung wird ein Skandal gemacht, jedes auch nur andeutungsweise Ausscheren aus dem Glied wird zerredet und abgestraft.

Das Problem daran ist allerdings: So bekommen wir als Gesellschaft auf Sicht vielleicht lauter gut funktionierende Befehlsempfänger, aber keinen Christoph Schlingensief mehr, keine Nina Hagen, keine Alice Schwarzer und keinen Joseph Beuys.

Und kreative Fußballer nebenbei bemerkt auch nicht.

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