Rücktritt von Lucien Favre bei Borussia Mönchengladbach

Ein Abgang mit fadem Beigeschmack

Als ich vor etwas mehr zwei Monaten den Artikel über Lucien Favre als meinen persönlichen Trainer des Jahres geschrieben habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass der erste Trainerwechsel der neuen Saison ausgerechnet bei Borussia Mönchengladbach vonstatten gehen würde. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Wie bei vielen Gladbach-Anhängern überwiegt auch bei mir in der Gesamtabwägung nach viereinhalb Jahren Lucien Favre als Trainer zunächst einmal Dankbarkeit. An meiner Einschätzung seiner fachlichen Fähigkeiten hat sich so wenig geändert wie am grundsätzlichen fußballerischen Potenzial der Mannschaft.

Dennoch bleibt ob der Art und Weise seines Abgangs ein fader Beigeschmack.

Vor seinem Engagement in Mönchengladbach war Favre weg vom Fenster. Erst am Niederrhein bekam er die Chance zu beweisen, dass sein Erfolg bei der Hertha in Berlin keine Eintagsfliege war. Er hat sie eindrucksvoll genutzt. Nicht genutzt hat er hingegen die nachgerade paradiesischen Zustände, die er bei der Gladbacher Borussia (auch durch eigenes Zutun) hatte: Die Vereinsführung hat ihm bis zuletzt den Rücken gestärkt, die Spieler waren selbstkritisch – im Falle etwa eines Tony Jantschke vielleicht sogar zu selbstkritisch –, die Mannschaft so mündig, dass sie frühzeitig intern in die Aussprache gegangen ist.

Favre-Befürworter führen nun ins Feld, dass ein Trainer wie jeder Angestellte ein Kündigungsrecht hat. Das stimmt. Aber in der Regel haben Angestellte auch eine Kündigungsfrist. Favre hätte bis zur nächsten Länderspielpause im Oktober oder bis zum Ende der Hinrunde warten können. So es denn stimmt, dass er bereits mehrfach um die Beendigung seines Vertrags gebeten hatte, hätte er den jetzt vollzogenen Schritt in seiner ganzen Eigenmächtigkeit auch nach der so erfolgreichen letzten Spielzeit gehen können. Dass er ihn jetzt, gegen den ausdrücklichen Willen der Vereinsführung und vor einer englischen Woche in der Bundesliga, gegangen ist, war unrühmlich.

Kritiker ziehen nun Parallelen zu Favres Zeit in Berlin, wo er angeblich auch Spieler wie Marko Pantelic und Andrij Woronin »weggeekelt« habe, um sich anschließend über den Qualitätsverlust im Kader zu beklagen. Diesen Kritikern sei gesagt, dass es schwer sein dürfte, einen Trainer zu finden, der noch nie entlassen worden ist. Und es liegt in der Natur der Sache, dass ein Trainer entscheidet, mit welchen Spielern er ein Fortkommen sieht und mit welchen nicht. Die Liste der von Pep Guardiola beim FC Barcelona und beim FC Bayern München »Weggeekelten« jedenfalls dürfte durchaus länger sein und ist in jedem Fall namhafter besetzt.

Die Logik hinter Favres Entscheidung indes bleibt schleierhaft. Er tritt in dem Moment zurück, da er grundsätzlich die besten Möglichkeiten in Mönchengladbach hat – gerade so, als könne er unter schwierigen Umständen besser arbeiten als unter guten. Dass sich die Lernkurve bei der Gladbacher Borussia abflachen würde, war klar. Dass der Wegfall von zwei Stammkräften wie Max Kruse und Christoph Kramer (zumal gepaart mit Verletzungen diverser anderer Spieler) zunächst einmal Sand ins gut geölte Getriebe des Favreschen Systems streuen würde, ebenso.

Der einzige Verein in Deutschland, bei dem Favre dieses Problem des Verlusts von Leistungsträgern nicht hätte, ist ohnehin der FC Bayern München. Ob der Schweizer sich, wie von manchen gemutmaßt, für den Rekordmeister in Stellung bringen will, ist Spekulation. Unmöglich gemacht haben dürfte er sich für die Münchener nicht. Die Bayern scheren sich erfahrungsgemäß nicht sonderlich darum, ob und wie umgänglich ihre Trainer sind.

Auch in München käme Favre allerdings nicht daran vorbei, Personalentscheidungen treffen (und mit ihnen leben) zu müssen. Das scheint in Gladbach mehrfach seine Schwäche gewesen zu sein.

Wie allen ehemaligen Gladbachern wünsche ich Lucien Favre viel Erfolg – und dass er lernt, ihn mehr zu genießen. Denn seine ruhige, abgeklärte Art schlägt in schwierige(re)n Zeiten anscheinend leicht in unnötige Schwarzmalerei um, mit der er die Mannschaft verunsichert. In Mönchengladbach hätten sie das mitgetragen. Ob andere Vereine diese Geduld mitbringen, bleibt abzuwarten. Vielleicht sollte der Schweizer zudem einmal darüber nachdenken, künftig nur noch Einjahresverträge einzugehen.

Als Fan ist mir im Moment herzlich egal, mit welchem Trainer Borussia Punkte holt. Wenn die Wende mit Andre Schubert gelingt, soll es mir recht sein. Aus meiner Sicht hat Schubert als Trainer einiges drauf. Mag sein, dass er raubeiniger ist als sein Vorgänger, aber nach viereinhalb Jahren Favre könnte gerade das ein neuer Reizpunkt sein, der von den Spielern dankbar aufgenommen wird.

Lucien Favre hatte alle Möglichkeiten, bei Borussia Mönchengladbach zu einer Trainerlegende zu werden und eine echte Ära zu prägen. Diese Chance hat er leider vertan. Das ist schade.

Trotzdem: Vielen Dank und alles Gute, Lucien Favre.

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