Saisonrückblick 2013/2014, Teil 3: FC Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen

Neuauflage

Am Ende kamen genau die beiden Mannschaften hinter dem FC Bayern München und Borussia Dortmund in die Champions League bzw. die Qualifikation zur Champions League, die auch 2012/2013 die Plätze zwei und drei belegt hatten: der FC Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen. Das kann gut sein für das internationale Abschneiden der Bundesliga, weil beide Mannschaften die Belastung der Königsklasse gewöhnt sind. Es kann aber auch Ausdruck dafür sein, dass die Konkurrenz in der Bundesliga schlicht zu schwach war, Knappen und Werkself abzufangen.

Irgendwann im Verlauf der vergangenen Saison sagte Jürgen Klopp mal eher nebenbei einen ganz entscheidenden Satz. »Die Jungs«, so Klopp über seine Schützlinge, »sind die Belastung inzwischen gewöhnt.«

Ich fand diesen Satz sehr aufschlussreich, denn er erklärt schlüssig, warum die Dortmunder in ihrer ersten Champions-League-Saison nur mäßigen Erfolg hatten – und warum sie jetzt selbst mit ausgedünntem Kader auf hohem Niveau im Rhythmus Samstag-Mittwoch-Samstag spielen können.

Es mag ja sein, dass – Achtung, Phrase! – »Fußballer lieber spielen als trainieren«. Aber mal eben maximal ein Stündchen im eigenen Auto vom trauten Heim zum Vereinsgelände gondeln und eine Runde sattsam bekannter Übungen in gewohnter Umgebung absolvieren, dann duschen und wieder heim ist eben doch weit weniger anstrengend als ein Flug ins mehr oder minder ferne europäische Ausland plus 90 Minuten intensives Pflichtspiel in einem europäischen Spitzenwettbewerb.

Insofern mag es gut sein, dass mit dem FC Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen zwei Mannschaften (potenziell) in die Champions League eingezogen sind, die diese Belastung schon gewöhnt sind. Dass es nicht gelungen ist, die Krisen auszunutzen, die sich beide Mannschaften zwischenzeitlich nahmen, muss sich insbesondere der VfL Wolfsburg mit seinem hochkarätig besetzten Riesenkader ankreiden lassen.

Denn Schalke 04 war über weite Strecken der Saison so vom Verletzungspech gebeutelt, dass sogar ein Magath-Leftover wie Anthoy Annan noch auf drei Saisoneinsätze kam, dazu Spieler aus der zweiten Mannschaft wie Philipp Max und Leroy Sané.

Für mich ist Jens Keller angesichts dessen der Trainer des Jahres. Er löste das seit Jahren schwelende Torwartproblem auf Schalke und machte aus Ralf Fährmann einen der besten Schlussmänner der Liga. Unter ihm avancierte Sead Kolasinac zum Linksverteidiger Nummer eins bei den Königsblauen, Leon Goretzka und Max Meyer wurden Nationalspieler, der aus Hamburg gekommene Dennis Aogo blühte bis zu seiner Verletzung wieder auf, Kaan Ayhan machte neun Liga- und ein Champions-League-Spiel. Bis zu neun Eigengewächse hatte Schalke zwischenzeitlich auf dem Platz. Felix Magath ist für wesentlich weniger Nachwuchsarbeit in Gelsenkirchen seinerzeit wesentlich mehr gelobt worden.

Doch Schalke wäre wohl einfach nicht Schalke, wenn sie dort mal die Ruhe bewahren würden. Obwohl Keller nun schon zum zweiten mal unter widrigen Umständen das Saisonziel erreicht hat, gab es wohl zwischenzeitlich Bemühungen um den jetzigen Ex-Mainzer Thomas Tuchel, immer getreu dem Motto: Man kann Sorgen haben und man kann sich Sorgen machen.

Bayer 04 Leverkusen wiederum gehörte zu den vergleichsweise wenigen Bundesligavereinen, die in der abgelaufenen Saison den Trainer gewechselt haben. Eine Negativserie zwischen dem 21. und 26. Spieltag kostete den finnischen Trainerneuling Sami Hyypiä den Job, nachdem es zuvor schon ausgangs der Hinrunde und zum Auftakt der Rückrunde drei Niederlagen am Stück gegeben hatte.

Hyypiäs Nachfolger bis zum Saisonende wurde der loyale Sascha Lewandowski. Der hatte die erste Mannschaft schon einmal im Tandem mit Hyypiä trainiert, war aber dann auf eigenen Wunsch in den Nachwuchsbereich zurück gegangen – unter anderem, nachdem die Bild-Zeitung einen Konflikt zwischen dem Deutschen und dem Finnen konstruiert hatte.

Doch Bild wäre wohl nicht Bild, wenn sie ihr eigenes Geschreibsel nicht jederzeit vergessen könnte. Nachdem Hyypiä entlassen war, hieß es von den Experten des Blatts nämlich, Leverkusen hätte die Trainer-Doppellösung besser noch beibehalten sollen …

Fakt ist: Bayer Leverkusen hat nicht mehr die brillante Mannschaft früherer Tage – keinen Vidal, keinen Lucio, keinen Emerson, keinen Ballack. Die Zeit der ganz großen Stars – und sei es die der Altstars wie Völler, Lehnhoff oder Schuster – ist vorbei. Und wenn sie doch mal einen haben, wie zuletzt Daniel Carvajal, dann sind sie ihn aufgrund der entsprechenden Vertragsgestaltung auch gleich wieder los.

Was Leverkusen hat, ist eine mit viel Geduld und Spucke geschickt zusammengestellte Mannschaft, eine Art Truppe der Unterschätzten, wenn man sich vor Augen hält, dass Bundestrainer Joachim Löw einen Stefan Kießling, Gonzalo Castro, Simon Rolfes, Bernd Leno oder Sydney Sam übergeht. Anderswo hingegen stehen die Leverkusener Spieler sehr wohl hoch im Kurs. Unlängst erst zurrte der FC Liverpool die Verpflichtung von Emre Can fest.

Den hatten sie beim großen FC Bayern vor gerade mal einem Jahr ziehen lassen und ärgern sich nun womöglich, dass sich der Mittelfeldspieler in einem solchen Rekordtempo entwickelt hat. Und was macht der FC Bayern, wenn er einen solchen Fehler begangen und nach Mats Hummels mal wieder ein Talent verkannt und zur Konkurrenz hat ziehen lassen? – Er wirbt den Mann mit dem Blick für Talente aus Leverkusen ab und holt sich Michael Reschke als neuen Technischen Direktor für die Kaderplanung.

Es könnte spannend werden zu sehen, wie das mit einem Sturkopf wie Pep Guadiola in München funktionieren soll, der sich wohl kaum in seine Personalvorstellungen hineinreden lassen wird. Spannend wird aber vor allem die Frage, wie Bayer Leverkusen den Abgang von Reschke nach 35 Jahren auffangen kann. Diese Personalie ist unter Umständen wichtiger als die des neuen Trainers Roger Schmidt.

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