Schweinsteiger, Lahm, Götze, Schürrle, Podolski: Die geschmähten Weltmeister

Der Mohr kann gehen

Den Weltmeistern von 1990 haben wir den roten Teppich ausgerollt, sie für ihre Rückkehr in die Bundesliga gefeiert und so einen Boom in der höchsten deutschen Spielklasse ausgelöst. Die Weltmeister von 2014 hingegen werden nach nicht mal einem Jahr kritisiert. Schweinsteiger gilt als zu verletzungsanfällig, Lahm als zu alt, Götze als nicht durchsetzungsfähig, Schürrle als zu inkonstant und Podolski als Auslaufmodell. Statt die enorme Leistung des Titelgewinns in Brasilien zu würdigen, führen Erfolgsfans und -journalisten hierzulande einen Nörgelwettbewerb auf.

Was habe ich vergangenen Sommer nicht zwischen die Hörner bekommen, als ich es gewagt habe, den allgemeinen WM-Freudentaumel als übersteigert, »leicht« hysterisch und inszeniert zu betrachten. Da wurde schon so manche virtuelle Mistgabel und Fackel geschwungen – und das im übrigen auffallend oft von Personen weiblichen Geschlechts und/oder solchen, die sich ansonsten aber mal so überhaupt nicht für Fußball interessieren. Heute frage ich mich: Wo seid ihr, ihr Klatschpappenfans, ihr Schönwetterfußballanhänger, ihr Stromschwimmpatrioten? Ist euch unter euren Landesfarben gestreiften Perücken zu heiß geworden? Euer ganzes Jubelgeschwätz von gestern interessiert euch wohl nicht mehr. Im Gegenteil: Jetzt schwingt ihr eure Mistgabeln und Fackeln gegen jene, in deren Glanz ihr euch vor nicht mal einem Jahr noch gesonnt habt!

Das war 1990 noch ganz anders. Als die alte Bundesrepublik seinerzeit zum dritten Mal in Folge ins WM-Finale einzog, den Bock endlich umstieß und den Titel holte, war die Euphorie, weil nachhaltiger, irgendwie echter. Vielleicht lag es daran, dass ein gutes halbes Jahr zuvor die Mauer gefallen war, dass wir alle noch eher an die blühenden Landschaften glaubten und unseren dicken Politikern mehr Vertrauen entgegen brachten, während wir heute im Grunde wissen, so eine WM ist nur eine Auszeit von der Wüstenei des tristen Alltags, die es maximal auszukosten gilt.

Nach dem Titelgewinn 1990 haben wir »unseren« Weltmeistern jedenfalls den roten Teppich dafür ausgerollt, dass sie in die Bundesliga zurück gekommen sind – und Guido Buchwald sogar dafür, dass er (zunächst) da geblieben ist, weil der VfB Stuttgart ihn nicht nach Italien ziehen lassen wollte.

Besagter Buchwald spielte letztlich noch im Alter von 38 Jahren für den Karlsruher SC. Andreas Brehme wurde mit 37 noch einmal deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern. Thomas Häßler war 37, als er bei TSV 1860 München aufhörte. Rudi Völler hielt seine Knochen für Bayer 04 Leverkusen hin, bis er 36 war und alle fanden es toll, dass er auf seine alten Tage noch einmal ein Altherrengespann mit Bernd Schuster und Hans-Peter Lehnhoff bildete.

Thomas Berthold kickte beim VfB Stuttgart, bis er 35 war. Ein Loddar Maddäus kam 1992 31-jährig von Inter Mailand zum FC Bayern München zurück, obwohl ihm kurz zuvor noch die Achillessehne durchgeknallt war. (Der Kopf folgte dann später.) Er wurde noch vier mal deutscher Meister, UEFA-Pokal-Sieger und DFB-Pokal-Sieger, bis er mit 39 Jahren in die MLS wechselte. Olaf Thon bescherte seinem FC Schalke 04 im Alter von 31 Jahren mit dem Gewinn des Europapokals den größten Erfolg der Vereinsgeschichte und wurde mit 35 Jahren noch einmal »Meister der Herzen«. Jürgen Kohler gewann mit 32 Jahren im Trikot von Borussia Dortmund die Champions League und mit 36 noch einmal die deutsche Meisterschaft. Stefan Reuter beendete seine aktive Karriere beim BVB erst im Alter von 37 Jahren. Mit 35 war er noch einmal deutscher Meister geworden.

Angesichts dieser Beispiele spricht meiner Ansicht nach nichts, aber auch rein gar nichts dafür, dass der FC Bayern München von heute nun zwingend den großen Umbruch einleiten müsste. Ein Bastian Schweinsteiger und ein Philipp Lahm sind nach wie vor Top-Spieler und können locker noch zwei oder drei Jahre Höchstleistungen erbringen. Selbiges gilt für Arjen Robben und Franck Ribéry.

Nur mal so zur Erinnerung: Deutschland ist im vergangenen Jahr zum vierten mal Weltmeister geworden – in Südamerika, was, wie oft genug betont wurde, zuvor noch nie einer europäischen Mannschaft gelungen ist. Vor dieser Spielzeit hat es deshalb geheißen, die Meisterschaft in der Bundesliga könnte wieder spannender werden, weil die Nationalspieler des FC Bayern München nach den Strapazen der WM und der kurzen Sommerpause ausgelaugt sein könnten.

Es ist traurig genug, dass das der einzige Grund ist, der Anlass zur Hoffnung auf einen offenen Ausgang der Bundesliga gibt. Noch trauriger ist allerdings der Umgang mit unseren Weltmeistern von 2014. Sie hatten im vergangenen Sommer kaum Urlaub. Stattdessen haben sie auf der anderen Seite der Welt tausende von Flugmeilen gesammelt, in vier Wochen zusätzliche sieben Spiele durchgeprügelt, in Mittags- oder Tropenhitze. Und zum Dank dafür gab’s nach der Rückkehr erst Helene Fischer und jetzt laufend überzogene Kritik.

Schweinsteiger? – Gnä, zu oft verletzt! Lahm? – Gnä, zu alt! Schürrle? – Gnä, sitzt viel zu oft auf der Bank! Götze? – Gnä, ist beim FC Bayern kein Führungsspieler! Podolski? – Gnä, spielt bei Inter Mailand nicht regelmäßig! Gnä! Gnä, gnä, gnä!

Ich bin weit davon entfernt, insbesondere den FC Bayern München zu bedauern. Wenn ein Verein einen seiner prominenten Repräsentanten sagen lässt, er könne sich nur selbst schlagen, die Konkurrenten in der Bundesliga für »zu dumm« erklärt und vollmundig verkündet, er habe den besten Kader aller Zeiten, dann hat er kein Mitleid verdient. Und wenn Bayern-Trainer Pep Guardiola das Triple als einzig legitimes Saisonziel ausgibt, muss er sich eben kritische Fragen gefallen lassen, wenn am Ende »nur« die Meisterschaft in der Bundesliga herausspringt.

Trotzdem geht mir das momentane muntere Nationalspieler-Bashing mächtig auf den Zeiger. Die Jungs absolvieren seit Jahren 50, 60 Spiele pro Saison und jetten durch die Republik, Europa und die Welt, um ihre Vereine und Nationalmannschaften zu vertreten. Bodo Illgner konnte nach der WM 1990 immerhin noch einfach sagen, er tritt aus der Nationalmannschaft zurück. Heute ist auch das nicht mehr ohne Zustimmung möglich.

Die Belastung ist höher geworden, die Zahl der Spiele ist gestiegen, die der Verpflichtungen auch, die Gängelungen haben zugenommen, der Druck ist gewachsen. Aber die Erfolgsfans hierzulande tun geradezu so, als hätten sie irgendeinen Beitrag zum Titelgewinn in Brasilien geleistet, weil sie es sich beim Public Viewing haben gut gehen lassen.

Deshalb nur mal so zum Vergleich: Das Post-WM-Jahr 1991 war das Jahr, in dem der 1. FC Kaiserslautern sensationell deutscher Meister wurde. Der FC Bayern München – mit den Weltmeistern Aumann, Pfügler, Augenthaler, Kohler, Reuter und Thon – wurde in der Liga »nur« Zweiter (und stürzte in der Spielzeit darauf bis auf Platz 10 ab), schied im DFB-Pokal in der ersten Runde gegen FV 09 Weinheim (!) aus und scheiterte im Europapokal der Landemeister im Halbfinale an Roter Stern Belgrad (!).

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Eine Antwort auf Schweinsteiger, Lahm, Götze, Schürrle, Podolski: Die geschmähten Weltmeister

  1. Fußballtor sagt:

    Hallo Mario,

    ja du hast recht. Kritik kann man einfach und leicht äußern. Da braucht es oft nicht viel um zu sagen, “der ist verletzt, der andere einfach viel zu alt”. Ich finde es schade, dass kaum jemand, so wie du, einfach sich die Fakten ansieht. Wir haben halt nicht mehr 1990.

    Grüße

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