Nach Skandal-Tor: Keine Strafe für Luiz Adriano

Freispruch für Luiz Adriano!

Die Fußballwelt ist schlecht, abgrundtief schlecht. Und Luiz Adriano, der 25-jährige Brasilianer von Schachtjor Donezk ist überhaupt der übelste Schurke von allen. Vor einer Woche kannte zwar noch niemanden diesen Fürsten der Fußballfinsternis, aber das ist offenbar kein Grund, ihn nun nicht wegen einer einzigen Verfehlung gleich wahlweise ans Kreuz nageln zu wollen, oder, wie beispielsweise der Tagesspiegel, larmoyant über die grundsätzliche und immer schon vorherrschende Verderbtheit des Fußballs zu klagen.

Jedes Armheben beim Einwurf und jede Auswechslung kurz vor Spielende ist nun also schon Betrug. Dass so ein Reklamieren möglicherweise schlicht subjektiver Wahrnehmung geschuldet ist oder eine Auswechslung vielleicht dazu dient, einem Spieler seinen verdienten Sonderapplaus zukommen zu lassen – geschenkt. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da begeisterte Miroslav Klose europaweit mit einer Geste der Fairness, als er aus freien Stücken ein Handspiel zugab. Die Ironie schon damals: Das Politmagazin frontal 21 – auch immer ganz vorn, wenn es um rechtschaffene Empörung und Betroffenheit geht – nahm dieses positive Beispiel zum Anlass, einen Beitrag aus Archivbildern zusammenzuschnippeln und Kloses gute Tat Berichten der Korruption bei der FIFA gegenüber zu stellen. Das war schon tüchtig billig: Auf ein gerade populäres Thema aufspringen, es irgendwie mit Kritik an irgendwelchen Leuten verknüpfen, die irgendwie entfernt auch was mit dem zu tun haben, was Klose tut, fertig ist ein Bericht mit politischem Anstrich und man hat sich zugleich betont volksnah gezeigt.

Und nun also auch noch Luiz Adriano, dieser Teufel in kurzen Hosen. Sein Tor hat er vermutlich mit dem Pferdefuß geschossen und der Ball hat dabei einen brennenden Kometenschweif und Schwefelgestank hinter sich her gezogen. Von einem »Skandal« ist die Rede, von »unfassbaren Szenen«, vom Tod des Fair Play gar. Die »schmutzigen Geheimtricks der Fußball-Profis« werden enthüllt (Klickstrecke!) und Spieler nach ihrer Meinung befragt. Völlig überraschend äußert niemand Verständnis für Adriano. Wer hätte das gedacht.

Um mal gleich allen Todschlagargumenten den Wind aus den Segeln zu nehmen: Natürlich war das Mist, was der Brasilianer da gemacht hat. Natürlich sind seine Erklärungen fadenscheinig und seine Entschuldigungen unglaubwürdig. Aber schon Hans Meyer sagte einst in seiner unnachahmlich charmanten Art: In jeder Mannschaft gibt es fünf, die unter der Brücke pennen müssten, wenn sie nicht Fußball spielen könnten.

Das mag auf Luiz Adriano ebenso zutreffen, wie es aus meiner Sicht etwa auf Diego Maradona zutrifft, nur dass Letzterer ein Weltstar ist, dem keiner an den Karren fährt, während Luiz Adriano eben nur irgend ein dahergelaufener Brasilianer von irgend so einem obskuren Ostblockverein ist. Aber Blödheit ist nicht verboten. (Wenn dem so wäre, gäbe es ja auch weniger Talkshows wie die von Markus Lanz, in der sich eine Altherrenrunde, den Moderator eingeschlossen, in Gegenwart einer Dame so überhaupt nicht zu benehmen weiß.) Luiz Adriano hat, wie es so schön heißt, gegen ein »ungeschriebenes Gesetz« verstoßen und es ist ein Widerspruch in sich, dass manche Medien auf die Regelkonformität seines Tores verweisen, nur um im selben Atemzug über eine Bestrafung zu philosophieren.

Es mag frustrierend und unbefriedigend sein, aber dafür gibt es aus meiner Sicht keine Grundlage. Ein ungeschriebenes Gesetz ist nun mal kein geschriebenes, und nun die wachsweichen Grundsatzerklärungen der UEFA zu Respekt und Fairness so zurechtzubiegen, dass man Adriano bestrafen kann, wäre schlimm. Denn selbstverständlich gehören zu einer Regel nicht nur ihre Buchstaben sondern immer auch ihr Geist. Aber der Geist einer Regel darf nicht Vorwand sein für Willkür. Wo sich in den Statuten nichts wirklich Konkretes findet, wogegen Luiz Adriano verstoßen haben könnte, darf er nicht bestraft werden.

Überhaupt wäre eine Bestrafung des Spielers ja nur reine Symbolpolitik, mit der die UEFA Volkes Furor besänftigen und sich selbst in ein gutes Licht rücken könnte. Die Mitläufer jedoch, die Luiz Adriano letztlich gefolgt sind und Nordsjaelland nicht postwendend ein Tor geschenkt haben, kämen ebenso ungeschoren davon wie Trainer Mircea Lucescu, der sich zwar peinlich berührt zeigt, Luiz Adriano aber andererseits auch nicht etwa ausgewechselt hat. Diskutieren ließe sich zudem auch darüber, warum der Schiedsrichter keine Verwarnung wegen unsportlichen Verhaltens ausgesprochen hat.

Nordsjaelland jedenfalls, die eigentlich Betroffenen, hätte erst recht nichts von einer Bestrafung Adrianos, denn das 5:2 bliebe schließlich bestehen. Nein, wenn, dann müsste die Partie konsequenterweise neu angesetzt oder sogar am grünen Tisch für die Dänen gewertet werden. Doch das wird natürlich nicht geschehen, weil es juristisch kinderleicht anfechtbar wäre. Also führt man gleichsam das Betreuungsgeld der Champions League ein: Ein Döspaddel wird öffentlich abgewatscht und Nordsjaelland mit einer kleinen Genugtuung abgespeist, die jedoch in keinem Verhältnis zu den Millionen steht, die sich in der Königsklasse verdienen lassen.

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