WM 2006. Das Sommermärchen

Sommermärchen ist aus

Manni Breuckmann ist in Altersteilzeit. Das ist insofern besonders schade, als Breuckmann einer der wenigen Sportreporter ist, bei denen man nicht das Gefühl hat, dass er seinen Beruf deshalb gewählt hat, weil es zum richtigen Journalisten nicht gereicht hat. Anders als seine jungschen Kollegen hat er der Versuchung widerstanden, witzig sein zu wollen. Trotzdem hat er mit seinen Reportagen immer auch gut unterhalten.

Daran musste ich zuletzt denken, als ich im Supermarkt vor dem DVD-Regal stand und dort »Deutschland – ein Sommermärchen« für 9,99 angeboten wurde. Vier Jahre ist es jetzt her, dass sich Deutschland im »kollektiven« Partyotismus-Taumel befand – oder befinden sollte? – und alle Welt sich darüber freute, dass vermeintlich irgendein Knopf aufgegangen war und »die Deutschen« als solche angeblich zu einem »ganz normalen und gemäßigten« Nationalstolz gefunden hätten. Nur einer schwamm gegen den Strom und behauptete, das Ganze sei doch nicht nachhaltig: Breuckmann. Er erntete nicht nur in der damaligen Runde heftigen Widerspruch, er wurde auch darüber hinaus als Miesmacher und »Spaßbremse« gegeißelt. Trotzdem ließ sich Breuckmann auch von Moderator Frank Buschmann, der ja ebenfalls gern mal einen Abstecher ins »Entertainment« macht, nicht dazu bewegen zuzugeben, dass ihm bei seinen Reportagen die deutsche Mannschaft näher stünde als eine andere. Er sei Journalist, belehrte der Breuck- den Buschmann, und als solcher habe er tunlichst neutral zu bleiben und tue dies auch. Buschmann brach seine Überredungsversuche denn auch schnell ab.

Trotzdem sagt dieser kurze Dialog eine Menge aus über das unterschiedliche Berufsverständnis zweier Generationen. Der eine ist Sportjournalist, der andere Sportmoderator. Man könnte vielleicht auch sagen, Marktschreier.

Inzwischen hört und liest man immer wieder von der »zum Sommermärchen hochstilisierten WM 2006«. Alles ist wieder beim Alten, es werden Haare in der Suppe gesucht und Haare in die Suppe gestreut, wo es nur geht. Jetzt, da der Film im Kino gelaufen ist, im Fernsehen gelaufen ist, in allen erdenklichen Editionen erschienen ist, als Gratis-DVD Programmzeitschriften beigelegen hat und in den Videotheken in den hintersten Regalen oder auf den Grabbeltischen verschwunden ist, wo keiner mehr mit den kostenlosen Deutschlandfähnchen am Auto Werbung für den WM-Sponsor OBI fährt, soll alles nur schöner Schein gewesen sein. Der dritte Platz beim die Nation vermeintlich und vermeintlich dauerhaft in Glückseligkeit einenden Turnier wird plötzlich als Zufallsprodukt geschmäht, der bei der Abschlussfeier in Berlin mit Papiermasken seines eigenen Konterfeis umjubelte damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist jetzt ein Blender und Schaumschläger. Der eigentliche Kopf, so erfahren wir, soll schon damals Assistent Joachim Löw gewesen sein. Worin wiederum dessen Leistung im Unterschied zu der von Klinsmann bestanden haben soll, wo doch alles gar nicht so toll war, darüber schweigen sich die Auguren aus.

Überhaupt hat man den Eindruck, dass innerhalb von noch nicht mal drei Jahren sämtliche Sportredaktionen dieses Landes entweder samt und sonders ausgetauscht worden oder kollektiv auf Entzug gewesen sind. Denn der Hype des Jahres 2006 muss irgendwie von irgendwo einfach so entstanden sein, aus dem Nichts quasi, oder vielleicht auch eingeschleppt wie die mexikanische Schweinegrippe von diesen ganzen WM-Touristen, diesen heißblütigen Italienern, den temperamentvollen Spaniern, den Sunnyboys aus USA oder den trinkfreudigen Skandinaviern, irgendeiner ausländischen lebenslustigen Übermacht jedenfalls, der die aufopferungsvoll um Objektivität kämpfende deutsche Reporterschar hoffnungslos unterlegen war. Vermutlich waren es Japaner oder Koreaner. Diese Asiaten tun ja immer so diszipliniert und dann, zack!, infizieren sie einen mit Fußballfieber und man kann nicht mehr klar denken. Unvorstellbar jedenfalls, dass sich saubere deutsche Sportredaktionen wissentlich an dem beteiligt haben könnten, was sie jetzt als Übertreibung, Aufbauschen oder Hochstilisieren bezeichnen.

Vielleicht hat’s aber auch schlicht damit zu tun, dass mit dem Sommermärchen kein Geld mehr zu verdienen ist. Die DVD wird es demnächst für 7,99 geben, dann für 6,99 und dann für 4,99. Das ist ebenso der Lauf der Dinge, wie es normal ist für die Medienlandschaft, von einem Extrem ins andere zu verfallen. Was gestern noch über die Maßen hochgejubelt wurde, wird heute über die Maßen niedergemacht, um auf diese Weise noch ein letztes Mal Kapital daraus zu schlagen. Manni Breuckmann jedenfalls hat Recht behalten: Nichts war’s mit Nachhaltigkeit. Sommermärchen ist aus.

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