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Sparvorschlag für Bundesligisten

Auf meinem allmorgendlichen Streifzug über die Internetseiten musste ich neulich schmunzeln. »Sat.1 kuscht vor van Gaal« titelte da ein Portal in seiner Sportrubrik. Reporter Jörg Dahlmann sei »suspendiert«, hieß es zudem im Anreißer. Allein die Schlagzeile fand ich ja schon vielsagend. Vor Trainer van Gaal kuscht der Sender also, wohlgemerkt, nicht vor dessen Verein FC Bayern. Ein mächtiger Mann muss er sein, der niederländische Meistertrainer, ein eigenmächtiger vor allem, wenn man sich vorstellen soll, dass er allein kraft seiner natürlichen Autorität die Redaktion des Privatsenders eingeschüchtert hat. Las man dann den ganzen Artikel, so stellte sich aber wenig überraschend heraus, dass Dahlmann natürlich nicht suspendiert oder »gesperrt« ist sondern lediglich bei der nächsten Champions-League-Begegnung der Bayern in Basel nicht dabei sein wird.

Geschehen war folgendes: Dahlmann, der gern mal ob Trivialitäten in Verzückung gerät (»Da lacht er, der Kahn, da lacht er!«), hatte van Gaal auf den angeblichen oder tatsächlichen Streit mit Uli Hoeneß angesprochen. Dieses Thema hält Dahlmanns Sender Sport1 seit Wochen am Köcheln, obwohl es schon vollkommen ausgelutscht ist. Den Verweis auf die Presseerklärung des Vereins ließ Dahlmann denn auch nicht gelten. »Aber ich lasse mich doch nicht von so einem Pressebulletin irritieren«, so der Reporter. »Ich weiß doch, dass da noch immer Spannungen vorherrschen.«

Angesichts eines solchen Selbstverständnisses frage ich mich, warum er dieses Interview dann überhaupt geführt hat. Warum geben Spieler, Trainer und Offizielle eigentlich noch Auskunft, wenn ihre Antworten ohnehin nichts zählen und nach Belieben interpretiert und zurechtgebogen werden?

»Beratungsresistenz« hat Dahlmann dem Niederländer vorgehalten und ist dabei doch nur einer von denen, die im Glashaus sitzend mit Steinen werfen. Denn den Spruch »Lieber durch Kritik verbessert als durch Lob verdorben« beherzigen nur die wenigsten Fußballreporter. »Medienschelte« nennen sie es bevorzugt, wenn Vereine die Berichterstattung kritisieren, »dünnhäutig« und »unprofessionell«. Wenn Klubs die Medien – oder auch nur einen bestimmten Teil der Medien – kritisieren, kann man getrost davon ausgehen, dass in der schreibenden und sendenden Zunft Corpsgeist herrscht. Dann wird auf den Seiten reflexartig Platz geschaffen für Kommentare und an den Schneidetischen herrscht Hochkonjunktur. Dabei bellen doch bekanntlich nur die getroffenen Hunde.

Bei Dahlmanns Sender Sport1 macht man sich seine Nachrichten zudem gern mal selbst. Neben Logos, Trailern und Einspielern bis zum Abwinken sowie niedlich anmutender Eigenwerbung für »Deutschlands beliebteste Fußballanalysesendung« – es gibt nur eine – gibt es dort auch regelmäßig ein paar bunte Bewegtbilder zwischen den Werbeblöcken. Die Beiträge werden durch hineingeschnittene Überschriften und Wiederholer gnadenlos auf Länge getrimmt, bieten jedoch nicht unbedingt immer Neues. Von Bastian Schweinsteiger beispielsweise ist längst bekannt, dass er sich zu seiner Zukunft erst im Winter äußern möchte. »Bastian Schweinsteiger über seine Zukunft« schneidet Sport1 trotzdem vollmundig in sein »Exklusivinterview« mit dem Spieler hinein. Der freilich äußert sich zu diesem Thema eigentlich nur in einer Weise, die das Phrasenschwein des Senders an anderer Stelle zur Mastsau werden lassen würde. Der FC Bayern ist ein Topverein, erfahren wir. Es gibt auch noch andere Topvereine. Aha. Das ist mal eine Nachricht.

Auch schön: Beim Hamburger SV hat man mit Rost und Drobny zwei starke Torhüter und Trainer Armin Veh hat irgendwann vor der Saison mal die Aussage getätigt, dass in Anbetracht der Güte seiner beiden Schlussmänner davon auszugehen ist, dass auch Drobny irgendwann auf seine Einsätze kommt. Permanent mit dieser im Grunde genommen nichtssagenden Aussage konfrontiert, sah er sich dann zu der Klarstellung genötigt, Frank Rost bleibe im Tor. Sport1 erweckte trotzdem den Anschein, es bahne sich ein Wechsel im HSV-Tor an. Vehs Klarstellung wurde einfach ans Ende des Beitrags geschnitten. Anders ausgedrückt: Am Schluss kam heraus, dass es die angebliche »Nachricht«, um die es zuvor in dem Beitrag gegangen war, nicht gab.

Oder nehmen wir Jürgen Klinsmann. Nach seinem Aus beim FC Bayern München wurde der bei Sport1 nur noch mit Häme bedacht. Nun aber, da er einen Beratervertrag beim FC Toronto unterschrieben hat, macht Bundesliga aktuell euphorisch eine Meldung daraus, als sei man in der Redaktion schon immer der Meinung gewesen, ein so guter Trainer müsse unbedingt mal wieder einen Job bekommen. Der Clou: Der Beitrag besteht aus Ausschnitten von Klinsmanns Pressekonferenz beim FC Toronto, die man auf der Homepage des Klubs in voller Länge sehen kann. Dazu kommen alte Bilder von Klinsmanns Vorstellung beim FC Bayern und die Kabinenszene aus Deutschland, ein Sommermärchen. Aktuell ist letztlich am gesamten Beitrag kaum etwas, Eigenleistung auch nicht. Auch ist nicht bekannt, ob Sport1 in Toronto um eine Nutzung des Contents nachgesucht hat.

Gern lädt man sich bei Sport1 auch mal Experten ein. Diese Experten sind dann oft die eigenen Reporter oder Reporter anderer Medien. Wenn die dann trotzdem schlecht gebrieft sind und der Meinung des Moderators widersprechen, zeigt dieser bevorzugt Hartnäckigkeit (»Aber … aber … aber«) oder stellt sich dumm (»Ich versteh’s trotzdem nicht!«). Beschlossen wird das Gespräch dann im Zweifelsfall mit einem »Ich finde trotzdem …«. Wegdrehen vom Studiogast, Blick hinunter auf die Notizen, Anmoderation des nächsten Themas. So bleibt die zuletzt geäußerte Meinung im Zweifel immer die des Moderators, die eigene Expertise unwidersprochen. Der Sender, der Sender, der hat immer Recht.

»Die Medien« als solche stecken in einem selbstgemachten Teufelskreis. Weil sie nicht mehr Bericht erstatten sondern inzwischen immer auch Meinung machen, bekommen sie oft nur noch vorgestanzte, glatte und wasserdichte Antworten und redigierte Interviews. Dadurch sind sie um so mehr auf »Authentisches« angewiesen, auf Versprecher, Ausrutscher, Gefühlsausbrüche – auf alles also, was (vermeintlich) spontan ist. Das müssen sie dann wieder und wieder durch den Wolf drehen, auch wenn es noch so wenig hergibt.

Zudem sind sie oft zu feige oder nicht in der Lage, ihre Quellen zu nennen. Sie verstecken sich hinter wachsweiche passivischen Formulierungen: »Es heißt«, »man munkelt«, »es war zu lesen« oder »es wird behauptet«. Was »Spatzen von den Dächern pfeifen« wird so oft vorschnell als Tatsache verkauft, zurückrudern kann man ja später immer noch. Es ist das Paradox, dass Medien über oder mittels Medien berichten. In der Schule hätte man das früher schlicht »Abschreiben« genannt, aber das klingt so unschön.

Einem wie Jörg Dahlmann muss man in Anbetracht dessen glatt noch zugute halten, dass er seine Meinung wenigstens Auge in Auge mit dem Interviewpartner vertritt und die Konfrontation nicht scheut. Viele seiner Kollegen hingegen bringen die letzte Retourkutsche erst aus der Sicherheit des Studios heraus. Aber auch beim Aktuellen Sportstudio des ZDF macht man es nicht unbedingt besser. Dass der Mainzer Sender gute Kontakte zu aktuellen und ehemaligen Mainzern hat – geschenkt. Dass Michael Steinbrecher seine Gäste, sagen wir mal, stets mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt und gerne mal als Claqueur fungiert – nichts Neues. Die als Gespräch getarnte Buchpräsentation in zwei Teilen von und mit Louis van Gaal – immerhin unterhaltsam. Aber manchmal, wenigstens manchmal, würde man sich gerade von einem gebührenfinanzierten Sender ein Nachhaken wünschen. Angesprochen auf die jüngsten Schalker Transferaufwendungen etwa konnte Trainer Felix Magath bei Katrin Müller-Hohenstein kürzlich die Zahl schlicht dementieren. Die sich eigentlich aufdrängende Anschlussfrage, wie hoch die Transferausgaben und -einnahmen denn tatsächlich waren und inwieweit der Personaletat der Knappen denn nun wirklich gesenkt worden ist, wurde ihm nicht gestellt.

Längst hat der embedded journalism auch im Fußball Einzug gehalten. Die einstmals selbstverständlichen Grenzen – hier die Aktiven, dort die, die über sie berichten – werden zunehmend aufgeweicht. Die Medien sehen sich nicht länger als Begleiter und Kommentatoren des Sports, sie sehen sich als Bestandteil. Mehr noch: Sie glauben sich in der Rolle von Machern, von Geldgebern und Machthabern. Doch das ist eine Verklärung der Tatsachen. Die Beliebtheit des Fußballs hat nach einer so umfassenden Medienpräsenz verlangt, wie wir sie heute erleben, nicht die Medienpräsenz umgekehrt den Fußball beliebt gemacht. Journalisten leben vom Fußball, nicht der Fußball von Journalisten.

Es gibt inzwischen ein sich selbst stützendes System, in dem die Medien Richter, Geschworene, Henker und Gerichtsreporter gleichermaßen sind. Sie verlangen vom modernen Trainer Kooperation, aber was Kooperation ist, entscheiden sie – und zwar individuell von Trainer zu Trainer und von Interview zu Interview. Sie entscheiden, ob ein häufig in die Übungen eingreifender Trainer ein »akribischer Arbeiter« und »Fachmann« ist oder ein »Pedant, der die Mannschaft nervt«, ob er »perspektivisch denkt« oder dem »Jugendwahn« verfallen ist, ob er »taktisch flexibel« ist oder »kein Konzept« hat. Vor allem aber entscheiden sie, ob das, was ihnen mitgeteilt wird, glaubwürdig ist. Heißt es, ein Trainer stehe nicht zur Disposition, schiebt man seitens der Medien im Zweifelsfall eben ein »Mit diesen Worten wurde schon manche Trainerentlassung eingeleitet« nach, und schon steht der Trainer eben doch angeblich wieder vor dem Rauswurf. Mit dieser Aussage samt ihrer unzulässigen Interpretation konfrontiert man dann den Trainer und schafft auf diese Weise eben jene »Unruhe im Verein«, über die man hernach »ganz neutral« berichtet. Brandstifter sind eben oft unter den Feuerwehrleuten zu finden.

Kein Wunder also, dass Mario Basler Journalisten schon mal genervt gefragt hat, ob sie ihm nicht gleich vorsagen wollten, was er ihnen in die Blöcke diktieren soll. Die Reaktion der so Gescholtenen fiel erwartungsgemäß mimosenhaft aus. Doch sich gegen jede Kritik zu verwahren und die lammfromme Beantwortung auch dämlichster Fragen (»Sie haben gerade 0:5 verloren – sind Sie sehr enttäuscht?«) zu verlangen, macht es ja nicht besser – ebenso wenig übrigens das ekstatische Bejubeln eines jeden einfachen Hackentricks als technisches Kabinettsstückchen.

Das Problem ist die alleinige Deutungshoheit der Medien auch über das eigene Treiben und Schreiben. Um diese zu brechen, haben Vereine und Spieler darauf mittlerweile mit einer Art Wettrüsten reagiert. Werder Bremen und der 1. FC Köln zum Beispiel haben ihre Pressesprecher Christopher Lymberopoulos und Tino Polster schon aus den Reihen des ehemaligen Deutschen Sportfernsehens rekrutiert. Jeder Klub hat inzwischen seine komplette Medienabteilung samt Homepage mit eigenem TV, jeder Spieler seinen Internetauftritt, und Berater auf allen Seiten sind bei unliebsamen Äußerungen rasch mit Abmahnungen bei der Hand.

Medien und Fußball sind sich inzwischen in einer Art Hassliebe verbunden. Sie können nicht miteinander, sie können nicht ohne einander. Sie schlagen sich und sie vertragen sich. Es ist eine klassische Co-Abhängigkeit und als solche wäre sie zu therapieren mit Trennung, mit Abstand, mit Objektivität. So lange die jedoch nicht gegeben ist, wäre mein Vorschlag an alle Bundesligisten: Entlastet euren Etat, spart euch die Medienabteilung, die Presseerklärungen und die Interviews. Es ist ja doch egal, was ihr sagt.

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Eine Antwort auf Sportjournalismus Sportmedien Fußball

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