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Reportersprech

Sportreporter MikrofonAm vorigen Donnerstag habe ich bei Lektüre des kicker mal wieder lauthals gelacht. Wolfsburgs Stürmer Mario Mandzukic fehlt seiner Mannschaft im nächsten Spiel wegen eines »gebrochenen Fußzehs« stand da zu lesen. Ja, das ist schon bitter für einen Fußballprofi. Ein gebrochener Handzeh und selbst ein gebrochener Kopfzeh wären ja noch zu verkraften, aber ein gebrochener Fußzeh … das schmerzt.*

Nun bin ich es als Übersetzer ja gewöhnt, dauernd über Begriffe wie »Augenwimper« (für englisch eyelash) oder »toter Körper« (für englisch dead body) zu stolpern. Bevorzugt tauchen solche Stilblüten in amerikanischen Krimiserien auf, die am Fließband produziert und am Fließband synchronisiert werden. Oft stammen die Übersetzungen hierfür nicht einmal von der Generation Praktikum sondern von der Generation Ferienjob. Insofern kann ich mir die Güte des Ergebnisses in diesem Falle auch durchaus erklären.
Aber welche Ausrede haben eigentlich unsere Fußballreporter für das, was sie tagtäglich so verzapfen und an schlechtem Deutsch unter die Leute bringen? Zahlen Sport1, Sky, Sat1, ARD und ZDF Dumpinglöhne? Müssen die Reporter dieser Sender trotz Milliarden aus Werbeeinnahmen und GEZ-Gebühren aufstocken? Ist da nicht mal ein kleines Seminar bei Wolff Schneider drin?

Wolff Schneider schreibt Journalisten nämlich gern mal ins Stammbuch, dass sie sich die Verwendung von Adjektiven vorab bei ihm im Büro persönlich genehmigen lassen müssen.
Nun ist Fußball natürlich keine staubtrockene journalistische Materie. »Emotionen gehören zum Fußball dazu«, lautet einer der ganz beliebten Stehsätze der Branche. Aber mal ehrlich: »Über schnelle Konter zum Erfolg kommen«, ein »unglückliches Eigentor erzielen« – das Adjektiv macht hier die Phrase. Langsame Konter gibt es schlicht ebenso wenig wie glückliche Eigentore. Die Erkenntnis ist noch nicht mal neu. Trotzdem kann ich daraus noch einen Blogbeitrag machen, weil sich dieser Sprachblödsinn einfach nicht ausmerzen lässt.

Sport1-Chefreporter (!) Thomas Hermann nervt mit permanenten Dopplungen wie »klitzekleine Minichance«. Vielleicht findet er sich witzig. Vielleicht hat ihm aber auch schlicht noch niemand beigebracht, dass »Mini-« von lateinisch minimus kommt und schon »sehr klein« bedeutet. Die »klitzekleine Minichance« ist also sozusagen ein schneeweißer Schimmel, eine Tautologie erster Kajüte. Überhaupt liebt Hermann den Diminutiv anscheinend geradezu. Wie der Ned Flanders des Sportjournalismus salbadert er andauernd von »Törchen«, »Schüsschen«, »Füßchen«, »Beinchen« und »Bällchen«. Wenn das der Chef der Reporter bei Sport1 ist und damit der mutmaßlich beste, den sie haben, was sagt das über den Rest der Belegschaft aus?

Nicht, dass es Hermanns Kollegen von anderen Sendern notwendigerweise besser machten. Bei denen hat man manchmal das Gefühl, sie wollen sich mit ihren Reportagen für den Job als Pressesprecher ihrer Lieblingsvereine bewerben. Steffen Simon von der ARD singt regelmäßig das Hohelied auf Manuel Neuer von Schalke 04 und wenn Thomas Wark vom ZDF Spiele von Borussia Mönchengladbach kommentiert, dann nimmt er das oft wörtlich und macht einen Meinungsbeitrag daraus. Er ist bisweilen so gnadenlos subjektiv, dass ich selbst als Fohlen-Fan akute Anfälle von Fremdschämen bekomme. Und Wolf-Dieter Poschmann holte sich erst unlängst einen völlig berechtigten offiziellen Rüffel vom 1. FC Nürnberg ab, weil er Torhüter Rafael Schäfer im Pokalspiel gegen Schalke aus unerfindlichen Gründen als »schlechtesten Torhüter der Bundesliga« bezeichnet hatte.

Ganz toll finde ich auch immer die Lippen- und Gedankenleser unter den Reportern. »Bevor du dies oder jenes tust«, sagt oder denkt Spieler X laut Reporter zu oder über Spieler Y, »schicke ich dich lieber mal zu Boden.« Außerdem verstehen sich Sportreporter natürlich blendend auf die Deutung von Gestik, Mimik und Körpersprache. Merke: Sportreporter sehen anscheinend alles, hören alles und wissen alles. Ihren feinen Sinnen entgeht nichts. Deshalb sagen sie auch Sachen wie: »Sie werden es gehört haben, Bundestrainer Joachim Löw hat gerade gerufen: ‘Mario, außen bleiben!’.«
Richtig, wir werden es gehört haben. Also muss uns niemand noch mal erzählen, was wir gehört haben.

Gleich völlig blöd wird es, wenn beim Reporter schlechtes Gehör und mangelnde Fremdsprachenkenntnisse zusammen kommen. So will Béla Rethy vernommen haben, wie der englische Trainer Stuart Pearce im Finale der U-21-Europameisterschaft einem Spieler zurief: »Don’t fell! Don’t fell!« Rethy dolmetschte auch sogleich. »Lass dich nicht fallen!«, soll Pearce gefordert haben. Es war Rethy anzuhören, dass er dabei gestrahlt hat wie ein polyglottes Honigkuchenpferd. Nur kann Pearce das leider so nicht gerufen haben, denn auf die englische Präsens-Verneinung mit don’t folgt nun mal der Infinitiv. Was Pearce gerufen hat, war vermutlich: »Don’t fail!« Nicht versagen, den Zweikampf nicht verlieren, nicht abschütteln lassen sollte sich der Spieler demnach tunlichst. Das beinhaltete vermutlich auch, auf den Beinen zu bleiben und nicht zu fallen. Quatsch bleibt das Rethy-Englisch aber dennoch. Ich habe meinen Schülern früher den Kopf abgerissen, wenn sie mir mit solchen grammatischen Phantastereien gekommen sind. Und damit meine ich in diesem Fall Sechstklässler. Aber vielleicht hat sich Rethy ja auch gesagt: Der Oettinger kann kein Englisch und radebricht es trotzdem, der Sarrazin kann kein Englisch und stottert trotzdem bei der BBC herum, da befinde ich mich in bester Gesellschaft.

Zeitweise mutet das an wie ein Wettstreit um das legitime Erbe von Heribert Faßbender. Dessen Alleinstellungsmerkmal indes dürfte unerreicht bleiben, denn er besaß die Gabe des Hellsehens. Jedes Mal, wenn Faßbender eine Mannschaft überlegen fand und die andere chancenlos, just die vermeintlich unterlegene Elf mitten hinein in seine Wertung jedoch das Führungstor schoss, verkündete Faßbender: »Ja, das hat sich abgezeichnet!«

* Nota bene: Die Rechtschreibprüfung von OpenOffice zeigt weder »Handzeh« noch »Kopfzeh« als Fehler an …

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