Stadionrandale gefährden den Fußball

Angst im Stadion

Einer meiner besten Freunde ist seit Jahr und Tag Fan von Fortuna Düsseldorf. Er gehört zu denen, die den Verein in alle Niederungen mitbegleitet haben, vom alten Rheinstadion über den Flinger Broich und wieder zurück in die neue Arena, fünfzehn lange Jahre und mehr. An ihn musste ich denken, als ich mich am Dienstag hingesetzt habe, um das Relegationsspiel zwischen Fortuna und Hertha BSC im Fernsehen zu schauen. Wegen der Ausschreitungen in Karlsruhe am Vortag hatte ich dabei von Anfang an ein mulmiges Gefühl. Es hat mich leider nicht getrogen. Aus der Mitfreude für meinen alten Freund wurde so Angst um meinen alten Freund und seinen Bruder im Stadion.

Nach den Krawallen am Montag und Dienstag in Karlsruhe und Düsseldorf steht vieles zur Debatte. Es ist zu befürchten, dass mehr kaputt gegangen ist, als nur Werbebanden, Rasen und Tore. Torpediert worden ist nämlich vielmehr beinahe alles, wofür sich Fußballfans mit Herzblut über Jahre und Jahrzehnte eingesetzt haben. Denn als im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 reihenweise Stadien in Deutschland neu gebaut oder modernisiert wurden, war dies nicht nur Profitstreben. Trennende Tartanbahnen zu entfernen, Zäune abzubauen, die Zuschauer näher ans Spielfeld zu holen und die Stehplätze entgegen allen Widerständen auf europäischer Ebene zu erhalten, war auch ein Entgegenkommen, ein Vertrauensvorschuss, ein Honorieren gewachsener, friedlicher Fußballkultur.

Jetzt ist das womöglich hinfällig.

Die Zäune kommen ziemlich sicher wieder hoch. Möglicherweise werden aber auch die Stehplätze ganz abgeschafft und mit ihnen die vergleichsweise moderaten Eintrittspreise in deutschen Stadien. Oh ja, dann wird es (wieder) heißen, die »blöden Bonzen« von DFB, DFL und Vereinen hätten nur einen Vorwand gesucht, um sich die Taschen noch voller zu machen. Aber wer, bitte schön, war denn dann so dämlich, ihnen die Steilvorlage dazu zu liefern – und zwar nicht nur eine, sondern allein in dieser Spielzeit locker mal ein halbes Dutzend?

Fanatiker aller Couleur – ob religiös, sportlich oder politisch – haben gemein, dass sie als möglichst große Bewegung anfangen wollen und dann im Laufe der Zeit immer kleinteiliger werden, sich immer mehr abkapseln und radikalisieren. Sie entwickeln eine Wagenburg- und Geisterfahrer-Mentalität, sehen sich in der Rolle der Verfolgten, Bedrängten, der tapferen Widerständler. Sie werden päpstlicher als der Papst. Und wie alle Sektierer sehen sie sich natürlich als Auserwählte, als Verfechter einer reinen Lehre, die jedoch schnell zur reinen Leere werden kann.

Erst heißt es: »Wir sind alle Fans unseres Vereins!«, dann heißt es »Wir sind die wahren Fans!«, dann »Die da sind keine echten Fans!« und schließlich »Das Stadion gehört uns!« und im Umkehrschluss »Die da heben kein Recht, in unserem Stadion zu sein!«.

Das ist die Spirale, an der auch schon in anderen, größeren Zusammenhängen in scheußlicher Weise gedreht wurde – bis hin zu: »Wir sind Menschen und die nicht!«. Deshalb muss die Spirale in den Fußballstadien jetzt schnell angehalten werden. Das Hausrecht im Stadion haben immer noch die Vereine, und deren Gastfreundschaft gilt allen gleichermaßen – den Schlipsträgern und den Kutten, den Müttern und Vätern mit ihren Kindern, den Gelegenheitsstadiongängern und den Dauerkartenbesitzern, den Rollstuhlfahrern und Rentnern. Sie alle haben ein Recht darauf, unbefangen ins Stadion gehen zu können und dort eine schöne Zeit zu verbringen.

Ein Fußballstadion ist im Prinzip das gelebte Solidarprinzip. Der Edelfan in der VIP-Loge subventioniert mit seinem bequemen Polstersitz die Stehplätze der Hardcore-Fans und erfreut sich dafür im Gegenzug an deren Choreografien und Schlachtgesängen, auch wenn diese sicher nicht für ihn gedacht sind. Aber so einfach, so simpel, so archaisch ist das im Grunde genommen: Plebs und Adel, für neunzig Minuten vereint in Brot und Spielen.

Das Entscheidende dabei ist, dass die Spielregeln eingehalten werden und sich nicht eine Gruppe für etwas Besseres hält als die andere. Entscheidend ist, dass sich nicht eine Gruppe Rechte herausnimmt, die sie schlicht nicht hat. Es ist wichtig, sogar essentiell, Stimmung zu machen, für Atmosphäre zu sorgen, anzufeuern und zu unterstützen. Entsprechend sind besonders aktive Fangruppierungen dafür auch gerade in jüngster Zeit oft genug gelobt worden. Anerkennung von offizieller Seite wurde ihnen wahrlich nicht versagt. Sie haben keinen Grund, sich stiefkindlich behandelt vorzukommen.

Leider jedoch macht es momentan den Eindruck, als sei genau das einigen zu Kopf gestiegen, denn sie leiten aus ihrer besonderen Unterstützung für ihren Verein auch besondere Rechte und Privilegien ab. Sie sagen: »Wenn wir und weil wir so viel in unseren Verein investieren, dürfen wir auch …« Sie sagen: »Wenn wir hier schon für die ganze Stimmung sorgen, dann …«

Ganz selbstverständlich reklamieren da also einige wenige für sich, für die ganze Stimmung im Stadion verantwortlich zu sein – was ihrer Selbstsicht entsprechen mag, aber natürlich schlicht nicht stimmt. Vor allem aber ist diese Denkweise das Ende des Solidarprinzips im Stadion. Denn wo es ein »wir« gibt, gibt es auch ein »ihr«, gibt es verschiedene Seiten und nicht mehr nur verschiedene Facetten.

Es mag eine Minderheit sein, die in den Stadien randaliert. Aber irgendwann wird das Argument, wonach man zwischen der großen Masse der friedlichen Fans und gewaltbereiten Krawallmachern unterscheiden muss, nicht mehr verfangen. Das muss auch all jenen klar sein, die an den Krawallen nicht mittun, aber mitlaufen, sie beklatschen und beschönigen. Wenn es so weiter geht wie zuletzt, bleiben irgendwann die Mütter und Väter mit ihren Kindern ebenso zu Hause wie die Schlipsträger, die Kutten, die Gelegenheitsstadionbesucher, Rentner und Rollstuhlfahrer.

Wie das dann aussieht, kann man in England und Frankreich beobachten. Auf der Insel, dem vielbesungenen »Mutterland des Fußballs«, ist Fußball fast schon eine Veranstaltung für Gutbetuchte – auch das übrigens ein Ergebnis der Gegenbewegung zum Hooliganismus. In englischen Stadien darf nicht mal mehr gepöbelt werden. Schon eine als allzu grob eingestufte Beleidigung kann dank engmaschiger Überwachung dazu führen, dass man aus dem Stadion geleitet wird.

Und in Frankreich versteht man in der Regel jedes Wort des Vorsängers mit dem Megaphon, weil selbst in wichtigen Spielen wie einem Pokalhalbfinale häufig nur die Kurve hinter dem Tor der Heimmannschaft einigermaßen besetzt ist. Dort lässt sich trefflich beobachten, dass nur in einem vollen Stadion richtig Stimmung ist.

Leverkusener Fans, die das Champions-League-Spiel ihrer Mannschaft im Camp Nou miterlebt haben, zeigten sich anschließend erstaunt und enttäuscht von der Stimmung in Barcelona. Von südländischer Atmosphäre konnte keine Rede sein. Stimmung gemacht haben im weiten Rund nur die angeblichen Schönwetterfans vom angeblich so sterilen Plastikklub.

Schon ein kurzer Blick über die Grenzen zeigt also: In Deutschland ist über viele Jahre unter Beteiligung aller eine Fußballkultur aufgebaut worden, die ihresgleichen sucht. Städte, Gemeinden, Verbände und Vereine haben dem Rechnung getragen. Sie sind in Vorleistung getreten, indem sie die Rahmenbedingungen für den Fußball geschaffen und verbessert haben. Das scheinen einige aus dem Blick verloren zu haben. Sie nehmen diese Dinge für selbstverständlich. Mehr noch: Sie treten sie mit Füßen, haben nie genug, verlangen immer mehr, nur um im Zweifelsfall irgendeine fadenscheinige Rechtfertigung für ihre Krawalle zu haben.

Das kann es nicht sein. Wenn das Miteinander in deutschen Stadien in all seinen Facetten erhalten bleiben soll, muss deshalb auch die (hoffentlich wirklich vorhandene) gemäßigte Mehrheit der Stadionbesucher den Blick wieder für das Geben und Nehmen schärfen, das die Fußballkultur hierzulande hat aufblühen lassen.

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