Thomas Hitzlsperger homosexuell

Hitz: Der Hammer?

Ich stelle immer wieder fest, dass ich die offensichtliche gesellschaftliche Relevanz von Themen erst durch das Echo begreife, das sie auslösen. Als Michael Schumacher seinen Skiunfall hatte, hat mich das in gewisser Weise durchaus betroffen gemacht. Aber dass dies an zwei Tagen in Folge die erste Meldung selbst in der Tagesschau sein würde – samt Live-Schalte zu einem Reporter, der nichts zu sagen wusste -, das hat mich überrascht. Ebenso verhält es sich nun mit dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger. Dass ein Fußballer schwul ist, hat offenbar größeren Nachrichtenwert als der Krieg in Syrien, im Südsudan oder im Irak.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde Thomas Hitzlspergers Schritt toll. Und ich weiß, dass es ein schwieriger Schritt war. Denn alle Berichte über Lob und Zuspruch von prominenter Stelle ändern nichts daran, dass die Kommentarfunktion unter den entsprechenden Artikeln auf vielen Internetseiten gesperrt ist – und das sicherlich nicht ohne Grund.

Wahrscheinlich hat auch schon Franz-Josef Wagner eiligst einen Brief an den »lieben Thomas Hitzlsperger« geschrieben, in dem er sich weltoffen und tolerant gibt und überschlägt vor Zustimmung und Begeisterung. Allerdings ist fraglich, ob sich das auch in den Lesermeinungen seines Blattes widerspiegeln wird. In den Medien wird nämlich gerade das Bild einer Gesellschaft und Öffentlichkeit gezeichnet, die Hitzlspergers »Bekenntnis« unisono begrüßt. Und es wäre schön, wenn es so wäre. Doch das Bild ist verzerrt.

Deshalb sollten wir uns zuallererst einmal ehrlich machen. Und zu dieser Ehrlichkeit gehört für mich, dass Hitzlsperger nicht der erste Fußballprofi ist, der offen zu seiner Homosexualität steht. Zu dieser Ehrlichkeit gehört auch, dass anderswo schon viel deutlichere Zeichen zur Unterstützung homosexueller Fußballer gesetzt wurden. In den Niederlanden etwa hat Bondscoach Louis van Gaal an der Gaypride-Parade teilgenommen – und Mitglieder der niederländischen Regierung gleich mit. Es geht also in jeder Hinsicht mehr, mehr auch, als etwa nur einen Sprechblasenautomaten mit Betonscheitel wie Steffen Seibert vor die Presse zu schicken.

Zur Ehrlichkeit gehört, dass sich der US-Amerikaner Robbie Rogers schon als Aktiver zu seiner Homosexualität bekannt hat. Zur Ehrlichkeit gehört, dass Nadine Angerer bisexuell ist und Steffi Jones lesbisch. All das ist bekannt und hat nicht einmal andeutungsweise so hohe Wellen geschlagen wie Thomas Hitzlspergers Interview in der ZEIT.

Die allgemeine Begründung für diesen Umstand lautet, dass Hitzlsperger der erste »prominente Fußballer« ist, der sich geoutet hat. Mir reicht das als Erklärung nicht. Vielmehr offenbart sich in der unterschiedlichen Höhe der Wellen genau das Klischeedenken, über das medial mit einseitiger Berichterstattung nur zu gern hinweggetäuscht würde.

Denn wenn homosexuelle Frauen im Fußball als »normaler« angesehen werden als homosexuelle Männer, dann ist der Grund dafür ein ganz simpler: nämlich das Klischee vom Fußball als »Männersport«. Frauen, die sich in diesem »Männersport« tummeln, müssen diesem Klischee zufolge entsprechend »Mannweiber« sein, und diese »Mannweiber« im »Männersport« Fußball sind was? – Natürlich lesbisch.

Wenn ein aktiver schwuler Fußballer aus der Major League Soccer hierzulande niemanden kümmert, dann hat das nur zum Teil etwas mit der Entfernung zu den USA zu tun. Mindestens eine ebenso große Rolle dürfte das Klischee spielen, dass es in der höchsten Spielklasse der Vereinigten Staaten weniger hart zu geht als in den Ligen Italiens, Englands und Deutschlands. Außerdem wird Fußball in den USA mehrheitlich von Frauen und Mädchen gespielt. Kein Wunder also, dass in der MLS selbst Schwule spielen können, weibisch und tuntig, wie sie eben sind, diese Homosexuellen.

Und zur Ehrlichkeit gehört letztlich auch, der hässlichen Fratze von Intoleranz und Homophobie ins Gesicht zu sehen und sich nicht mit einseitiger Berichterstattung über vermeintlich durchweg positive Reaktionen selbst in die Tasche zu lügen. Der englische Fußballer Joey Barton beispielsweise hat noch Anfang des vergangenen Jahres auf Twitter homophobe Beleidigungen gegen Thiago Silva von Paris Saint-Germain gepostet. Nun mag Barton grundsätzlich nicht die hellste Kerze auf der Torte sein, aber ein Einzelstück ist er mit Sicherheit auch nicht. Er hat für seine Äußerungen nicht nur Kontra bekommen, sondern er ist auch dafür abgefeiert worden.

Auch deshalb hat Thomas Hitzlsperger gut daran getan, mit seinem Coming Out bis nach seinem Karriereende zu warten. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird es hoffentlich möglich sein, dass auch aktive Fußballer in Deutschland und anderswo in Europa offen homosexuell sein können. Aber für den Moment war mehr nicht drin. Das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass es Hitzlsperger mit seinem Coming-Out immer noch bis in die Tagesschau geschafft hat.

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