Thomas Hitzlsperger Wortwahl Witze Floskeln

Hitzlsperger, die dritte

Wissen Sie was? – Dass Thomas Hitzlsperger homosexuell ist, ist mir persönlich völlig latte! Ja, latte ist es mir! Latte! Und, ja, ich benutze dieses Wort – wie ungeheuerlich – in einem Bericht über einen schwulen Fußballer!

Preisfrage: Welche Sportart ist das?

Männer umarmen, bespringen und knutschen sich im Rausch des Torjubels. Männer reißen sich ihre Trikots vom Leib und präsentieren ihre wohldefinierten Sixpacks. Männer tauschen mit anderen Männern verschwitze Wäschefetische aus. Männer hocken zusammen leichtbekleidet oder nackt in Entmüdungsbecken. Männer übergießen sich mit Bier. Männer bespritzen sich mit Schampus. Männer reißen anderen Männern die Sportbekleidung herunter, bis ihnen Hintern und/oder Gemächt heraushängen.

All das sind nicht Szenen einer römischen Orgie, sondern all das spielt sich Woche für Woche in den Fußballstadien dieser Welt ab – und zwar schon seit Jahrzehnten. In Spanien* hat sogar mal ein Spieler einen anderen während des Torjubels zärtlich in den Penis gebissen. Das hatte eine Sperre zur Folge, weil es natürlich von irgendeiner Kamera eingefangen worden war. Der Spieler musste sich für sein unbedachtes Verhalten verantworten, weil ja auch Minderjährige im Stadion waren. Derweil sorgte das Fernsehen dafür, dass möglichst viele die Szene zu Gesicht bekamen, die sie zuvor verpasst hatten, Kinder und Jugendliche natürlich inklusive. Aberwitzig.

In Deutschland verbreitete, wie sollte es anders sein, sport1 den oben beschriebenen Männlichkeits-Fauxpas. Das ist der Sender, bei dem Moderator Frank Buschmann auch schon mal einen spätpubertären Abdreher bekommt, wenn ein Spieler während der Montagabendpartie der zweiten Bundesliga im Vorbeigehen versehentlich den Busen der Schiedsrichterin streift. Anstatt die Lappalie diskret und gentlemanlike zu übergehen, machte Buschmann seinerzeit plärrend auch noch den Letzten darauf aufmerksam. Der Regie war es sogar allen Ernstes eine Zeitlupe wert.

Wenn es um Fußball und Sex geht, bestätigt sich eben leider scheinbar jedes Klischee über unreife Männer. Da wird gekichert und geprustet und gegluckst und kein Witz kann flach genug sein, auch wenn das Niveau dabei längst heulend unters Bett gekrabbelt ist. Das zeigt sich auch jetzt, nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger wieder. Wir erleben eine regelrechte Re-Evolution. Plötzlich ist der 35 Jahre alte Otto-Witz von der »Manndeckung« wieder aktuell und manch einer sieht sogar in Hitzlspergers Spitznamen The Hammer auf einmal schenkelklopfend und Rippen knuffend eine ungeahnte Doppelbödigkeit.

Mal ehrlich – wer bei »the Hammer« derart um die Ecke denkt, der müsste doch eigentlich auch die Baumarkt-Werbung für den Hammer aus altem Panzerstahl hochgradig homoerotisch finden, oder? Und überhaupt: Wie sexfixiert muss man eigentlich sein, wenn man jetzt hinter jeder zweiten Fußball-Phrase einen Phallstrick wittert, wie es Roland Peters in seinem verquarsten Artikel auf n-tv.de tut?

Floskeln wie »Da geht er ihm an die Wäsche« findet Peters nämlich nun auf einmal »unpassend« und eine wie »Hitzlsperger geht ihn von hinten an« »plötzlich anmaßend«. Ja, und wenn nur, wenn Hitzlsperger sich schon als Aktiver zu seiner Homosexualität bekannt hätte, dann würde laut Peters »bei den Amateuren und Nachwuchsmannschaften … auf Raum- statt Manndeckung« gesetzt. Meine Güte, so viel Verwirrung, nur weil ein Mann gesagt hat, dass er Männer liebt.

Ehrlich gesagt, ich mache es mir da einfacher. Für mich bleibt alles beim Alten. Ich habe bislang trotz der eingangs beschriebenen orgiastischen Szenen nicht in Kategorien von »heterosexuell« und »homosexuell« gedacht und ich tu’s auch in Zukunft nicht. Weil’s nämlich völlig latte ist.

* Ich glaube zumindest, dass es Spanien war, kann es aber aus dem Gedächtnis nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Medien, Spieler veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>