Deutschland, deine Torhüter
Es schon enorm, was sich im vergangenen Jahr und speziell in dieser Saison zwischen den Pfosten der Bundesligisten alles getan hat. Auf keiner Position hat es so viele Veränderungen gegeben wie auf der des Torhüters. Für mich ein Grund, die Verschiebungen zum Jahresauftakt 2012 noch einmal Revue passieren zu lassen.
Den Anfang machte leider die Tragödie um den Selbstmord von Robert Enke. Durch sie musste Florian Fromlowitz unter denkbar dramatischen Umständen ins Tor von Hannover 96. Fromlowitz packte mit den Niedersachsen noch den Klassenerhalt – und wurde doch bald darauf von Ron-Robert Zieler ersetzt. Den Ex-Pfälzer zog es daraufhin nach Duisburg zum MSV, wo er wiederum den nach Leverkusen abgewanderten David Yeldell ersetzen sollte. Für den damaligen Zebra-Trainer Milan Sasic war Fromlowitz auch der »beste Torhüter der zweiten Liga« – nicht jedoch für seinen Nachfolger Oliver Reck, der ebenso wie Sasic bekanntlich früher selbst Torwart von Rang war. Reck setzte auf Felix Wiedwald – und Fromlowitz sich nicht auf die Bank. Weil er seine erneute Rückstufung nicht hinnehmen wollte, hat er sich nun womöglich sogar beim Zweitligisten ins Aus katapultiert. So schnell kann’s gehen.
Schnell gegangen ist es auch für Manuel Neuer. Heute wird gern vergessen, dass der Nationaltorwart noch im Vorfeld der WM 2010 eigentlich nur die Nummer drei der Rangfolge gewesen ist. Robert Enke war der designierte Stammtorwart für Südafrika; sein Stellvertreter hieß René Adler. Erst die Verletzung des Leverkuseners spülte Neuer ins Tor, der mit diesen Umständen freilich bemerkenswert souverän umging. Die anschließende brillante Weltmeisterschaft des damaligen Schalkers weckte Begehrlichkeiten beim deutschen Rekordmeister FC Bayern. Der Rest ist sattsam bekannt: Es folgte ein großes und langes Ballyhoo, an dessen Ende Bayern-Trainer Louis van Gaal den warmen Mantel der Münchener Mia-san-mia-Familie ausziehen musste. Neuer wechselte nach tränenreichem Abschied an die Isar, der von van Gaal protegierte Thomas Kraft an die Spree nach Berlin zu Hertha BSC und Jörg Butt reihte sich wie zuvor in der Nationalmannschaft wieder hinter dem Ex-Schalker ein.
Der englische Meister Manchester United entschied sich derweil bei seiner Suche nach einem Nachfolger für Edwin van der Sar nicht etwa für Manuel Neuer, obwohl er sich in der Champions League hautnah von dessen Fähigkeiten überzeugen konnte. Ohne Neuer hätte ManU die Gelsenkirchener nämlich vollends demontiert. Stattdessen optierte Sir Alex Ferguson für den fraglos talentierten Spanier David de Gea. Der aber kann die in ihn gesetzten Erwartungen bislang zumindest noch nicht erfüllen. Nach mehreren schweren Patzern wurde ihm zuletzt Anders Lindegaard vorgezogen. Vielleicht wird Manchesters Interesse an einem deutschen Torwart demnächst ja doch noch konkret.
In Leverkusen hätte eigentlich David Yeldell die Vertretung von René Adler bis zu dessen Genesung übernehmen sollen. Aber der US-Amerikaner patzte wie die gesamte Mannschaft zum Saisonauftakt in der ersten Pokalrunde gegen Dynamo Dresden. Im ersten Bundesligaspiel setzte Neutrainer Robin Dutt deshalb auf Fabian Giefer. Der wiederum machte gegen Mainz 05 keine gute Figur und verletzte sich zudem bald darauf, woraufhin Leverkusen eiligst noch einen vierten (!) Torhüter verpflichtete – und zwar den erst 19-jährigen Bernd Leno aus der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart. Leno gelang der Sprung von der dritten Liga in die Champions League, von Aalen zu Chelsea – was bedeutet, in Zukunft wird für René Adler wohl kein Platz mehr sein bei der Werkself. Schon darf spekuliert werden, wohin es den Schlussmann wohl künftig ziehen wird.
Und a propos Dresden und Mainz: Beim frisch gebackenen Zweitliga-Aufsteiger gab es vor der Saison auch einiges Theater um den Vertrag von Benjamin Kirsten, seines Zeichens Dresdner Urgestein in der zweiten Generation. Kaum war dessen neuer Vertrag dann glücklich doch noch unter Dach und Fach, musste sich der Schlussmann, der noch in der geglückten Relegation das Tor gehütet hatte, aber einer Schambein-OP unterziehen, was wiederum Dennis Eilhoff den Weg in den Kasten ebnete. Der Torhüter hielt so trotz vorangegangenem blamablen Doppelabstieg mit Arminia Bielefeld persönlich doch noch die Klasse. Inzwischen jedoch hat ihn Wolfgang Hesl abgelöst, den der Hamburger SV zuvor an den SV Ried ausgeliehen hatte.
Bei Mainz 05 wiederum gilt die Vereinbarung, dass der jeweils zweite Torhüter in den Pokalspielen ran darf. Vor der Saison lag Heinz Müller in der Hierarchie noch vor Christian Wetklo, der dann aber im Pokalspiel gegen Hannover 96 so gut hielt, dass ihn Trainer Thomas Tuchel nicht mehr aus der Mannschaft nehmen konnte.
Doch noch einmal zurück zu Bernd Leno. Dessen abgebender Verein, der VfB Stuttgart, hatte sich mit der Ausleihe seines dritten Torwarts zumindest kurzfristig ein Problem geschaffen. Denn Leno wie ursprünglich geplant zum 1. Januar zurück zu holen, hätte für reichlich Zündstoff gesorgt. Sven Ulreich hielt nämlich überaus überzeugend – just jener Ulreich also, der eigentlich auch schon von Marc Ziegler abgelöst war, ehe der sich bei seinem Einstand gleich wieder verletzte. In Stuttgart vollzog sich somit gewissermaßen im Kleinen und im Schnelldurchlauf das, was momentan das Bild in der Bundesliga prägt.
Gelöst wurde das Problem des potenziellen Überangebots an guten Torhütern dann letztlich so, wie es im Profifußball im Zweifelsfall immer gelöst wird: Mit sehr viel Geld, in diesem Fall für die Schwaben. Die haben jetzt zwar »nur« noch zwei etatmäßige Torhüter im Kader, dafür hat Leverkusen aber vier. So gleicht sich alles aus im Leben.
Vier Torhüter hat auch der FC Schalke 04 in seinen Reihen. Und das kam so: Zu Saisonbeginn war eigentlich Ralf Fährmann als Nachfolger für Manuel Neuer verpflichtet worden. Kein schlechter Schachzug, denn Fährmann ist wie Neuer ein echter Schalker und ablösefrei war er zudem. Dann aber verletzte sich Fährmann schwer und in Gelsenkirchen glaubte man, mit den beiden noch verbliebenen Torhütern Matthias Schober und Lars Unnerstall nicht durch die Spielzeit gehen zu können. Also verpflichtete man mit Timo Hildebrand den deutschen Meister von 2007, was wiederum nur möglich war, weil der ehemalige Nationaltorwart vereinslos war und somit auch nach Transferschluss noch unter Vertrag genommen werden konnte.
In Lohn und Brot ist Hildebrand nun wieder. Aber da sich seine Verpflichtung in die Länge zog, musste in der Zwischenzeit ja einer ins Tor. Die Wahl fiel auf Unnerstall. Der machte seine Sache gut und gab seinen Platz nicht mehr her. Hildebrand bleibt (zumindest vorerst) also nur die Rolle des Backups, die ihm nach seinen post-schwäbischen Erfahrungen bei Valencia, Hoffenheim und Sporting Lissabon allerdings lieber zu sein scheint als Arbeitslosigkeit.
Ein weiterer Mann aus der Schalker Torhüterschule ist Mohamed Amsif, der zum Ende der Hinrunde den eigentlichen Augsburger Stammtorhüter Simon Jentzsch vertrat und sich dabei kontinuierlich steigerte. Im letzten Vorrundenspiel brachte er schließlich mit seinen Paraden den Hamburger SV schier zur Verzweiflung.
Ausgerechnet der Bundesliga-Dino wiederum kam so durch die Hinrunde, wie er es geplant hatte: Mit Jaroslav Drobny im Tor nämlich. Hamburg vollzog seinen Torwartwechsel vor der Saison; Drobny rückte nach dem Abgang von Frank Rost wie vorgesehen von der Nummer zwei zur Nummer eins auf. Der Tscheche blieb trotz einiger Patzer im hanseatischen Tor und stabilisierte sich im Verlaufe der Runde schließlich noch. Trotzdem wird bereits munter spekuliert, wie es angesichts des momentanen munteren Wechselspiels weitergehen könnte – siehe Leverkusen oben.
Etwas weiter südlich, in Wolfsburg, setzte Trainer Felix Magath zwar die Rekordzahl von 30 Spielern ein, den Torhüter wechselte er jedoch nur aus Verletzungsgründen. Zwei mal vertrat Marwin Hitz aus diesem Grund Stammtorhüter Diego Benaglio – und auch der Schweizer Nationaltorhüter zahlte das Vertrauen zurück und fand zu alter Konstanz. Möglicherweise ist das ja ein auf die Feldspieler des VfL übertragbares Modell …
Keinen Torwartwechsel nahm auch der 1. FC Kaiserslautern vor. Kevin Trapp bestritt siebzehn von siebzehn Saisonspielen für die Pfälzer. Die Wachablösung auf dem Betzenberg erfolgte schon in der Vorsaison, als Trapp Tobias Sippel ablöste. Mit Roman Weidenfeller (diese wie letzte Saison unumstrittener Stammtorwart bei Borussia Dortmund) und Tim Wiese (diese wie letzte Saison die Nummer eins bei Werder Bremen) tummeln sich damit aktuell vier ehemalige Schützlinge von Gerry Ehrmann in der Bundesliga.
Borussia Mönchengladbach schickte in der vergangenen Spielzeit gleich drei Torhüter ins Rennen. Gar derer vier waren es in der Saison davor gewesen. Der Belgier Logan Bially – in der Saison 2009/2010 noch der große Rückhalt der Niederrheiner im Abstiegskampf – fand nach Verletzung einfach nicht mehr zu seiner Form, schlimme Patzer kosteten wichtige Punkte. Sein Vertreter Christofer Heimeroth hielt solide, aber nicht überragend. Erst mit Marc-André ter Stegen – so will es zumindest aus heutiger Sicht scheinen – wurde die »Baustelle Tor« bei der Borussia geschlossen.
Bei allem Jubel um die neue Torwartgeneration: Wohl nichts verdeutlicht die Härte im Bundesligageschäft so wie die jüngsten Torhüterwechsel. Stützen des Abstiegskampfs wie Fromlowitz oder Bailly sitzen plötzlich auf der Bank oder der Tribüne, Aufstiegshelden und gepriesene Torwarttalente wie Tobias Sippel sehen sich auf einmal von der internen Konkurrenz überholt, deutsche Meister verzocken sich und lernen Demut auf die harte Tour.
Es kann eben schnell gehen in der Bundesliga – nach oben, wie nach unten.

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