Der Trainer des Jahres: Lucien Favre von Borussia Mönchengladbach

Der Bessermacher

Beim FC Bayern München gewonnen und gegen den deutschen Rekordmeister in der Saison ohne Niederlage und Gegentor geblieben. Die Heimspiele gegen die direkte Konkurrenz aus Wolfsburg und Leverkusen gewonnen. Erstmals überhaupt in Hoffenheim gewonnen. Nach Ewigkeiten mal wieder in Bremen und in Stuttgart gewonnen. Borussia Dortmund und Schalke 04 ohne Punkte nach Hause geschickt: Trotz einer Saison mit Doppelbelastung durch die Europa League spielt Borussia Mönchengladbach 2015/2016 erstmals in der Vereinsgeschichte Champions League. Angesichts dessen kann es bei der Frage nach dem Trainer des Jahres nur eine Antwort geben: Es ist Gladbachs Lucien Favre.

Rückblickend muss ich zugeben, dass ich schon jenseits von Gut und Böse war, als Lucien Favre im Februar 2011 die Nachfolge von Michael Frontzeck antrat. Ich war als Fan von Borussia Mönchengladbach ungefähr so apathisch wie die Mannschaft. Die gelegentlichen Punktgewinne und sporadischen Siege ließen mich allenfalls noch reflexartig zucken, aber nicht mehr an eine Rettung glauben.

Die Mannschaft lag am Boden, ließ nicht einmal mehr irgendwelche Ansätze guten Fußballs erkennen. Ehedem gute Spieler wie der belgische Torhüter Logan Bailly waren vollkommen von der Rolle, Führungspersönlichkeiten wie der Brasilianer Dante oder der Venezolaner Juan Arango wie gelähmt unter dem Druck, der Mannschaft Halt zu geben, Talente wie Marco Reus oder Patrick Herrmann mit der Situation überfordert. Die Automatismen waren weg, Stärken der Vorsaison (wie Standardsituationen) zu Schwächen mutiert. Ein Trainerwechsel erschien mir angesichts dieser Totalmisere einfach sinnlos.

Als im Februar dennoch ein neuer Mann präsentiert wurde, nahm ich es fatalistisch hin als den »branchenüblichen« Reflex. Lucien Favre, das war für mich der Mann, der Hertha BSC in die Spitze der Bundesliga geführt hatte, aber auch der schlechte Verlierer, der nach seiner Entlassung in Berlin eine eigene Pressekonferenz gegeben hatte, um mit der Vereinsführung abzurechnen. In einer Situation, da in Mönchengladbach die Geier kreisten und Sportdirektor Max Eberl und Präsident Rolf Königs massiv angegangen wurden, war ich mir nicht sicher, ob Favre der richtige Trainer sein würde. Nicht weil er, wie es in den Medien hieß, »kein Feuerwehrmann« war. Sondern weil er ein sprichwörtlich unsicherer Kantonist zu sein schien.

Ehrlich gesagt weiß ich bis heute nicht, wo eigentlich die Punkte hergekommen sind, mit denen die Gladbacher noch bis auf Relegationsrang 16 geklettert sind. Ich erinnere mich nur noch in des Wortes doppeltem Sinne düster an zwei gurkige Partien gegen den VfL Bochum und obwohl ich bis heute kein Freund der Relegation bin, muss ich wohl über deren Ausgang doppelt froh sein, wenn ich sehe, dass sich der Gegner von damals bis heute nicht wieder berappelt hat.

Heute ist klar: Favre ist ein Glücksgriff für die Gladbacher Borussia, weil er Spieler und Mannschaften besser macht. Der Fohlenelf verlieh er erst Stabilität, dann Effektivität, dann spielerische Klasse. Als es hieß, Gladbach schieße zu wenig Tore, beseitigte Favre das vermeintliche Defizit binnen weniger Wochen. Als es dann hieß, Borussia sei zu abhängig von der individuellen Klasse und den Toren eines Marco Reus, machte er sie unberechenbarer. Die Entwicklungsschritte dauerten jeweils lediglich ein paar Wochen. Favre mag kein Feuerwehrmann sein, aber was er vermittelt, vermittelt er offensichtlich schnell.

Zwei Faktoren verdeutlichen für mich, wie außergewöhnlich die Entwicklung von Borussia Mönchengladbach seit Februar 2011 ist: Der Vergleich mit einstigen Mitkonkurrenten und die Zahl der Abgänge.

Hannover 96 beispielsweise war 2011/2012 und 2012/2013 noch Teilnehmer an der Europa League, hat seitdem mehrfach den Trainer und einmal den Sportdirektor gewechselt und sich sukzessive zu einem Abstiegskandidaten entwickelt. Der Hamburger SV landete 2012/2013 noch vor (!) Borussia Mönchengladbach auf Rang sieben, holte in dieser und den nachfolgenden Spielzeiten Leute wie René Adler, Rafael van der Vaart, Petr Jiracek, Pierre-Michel Lasogga und Louis Holtby, heuerte und feuerte Trainer und Sportdirektoren in großer Zahl und kann trotzdem oder gerade deswegen froh sein, dem Abstieg zuletzt zwei mal in Folge über die Relegation entronnen zu sein.

Gladbach verlor nach der sensationellen Rettung 2011 und dem noch sensationellen Sprung auf Platz vier 2012 erst Dante, Reus und Roman Neustädter, dann Juan Arango und schließlich Marc-André ter Stegen und zuletzt Max Kruse. Trotzdem war die Mannschaft zuletzt eingespielter denn je. Traoré, Hazard, Johnson, Nordtveit und Brouwers erfüllten ihre taktischen Aufgaben mit Bravour, Dominguez und Jantschke (den Bundes-Jogi unverständlicherweise immer noch hartnäckig ignoriert) agierten ohne Qualitätsverlust auf verschiedenen Positionen. Patrick Herrmann, den viele vor der Saison für angezählt hielten, blühte ob der neuen Konkurrenz durch André Hahn auf, ohne dass der Neuzugang aus Augsburg deswegen frustriert gewesen wäre.

Lucien Favre hat – vielleicht auch auf entsprechende konstruktive Kritik von Sportdirektor Max Eberl hin – dazugelernt. Seit der wenig glücklichen Verpflichtung von Luuk de Jong als vermeintlichem Ersatz für Marco Reus, die Favres allzu langem Abwägen geschuldet gewesen sein soll, sitzen die Personalentscheidungen. Ein großer Freund der Rotation ist der Schweizer wahrscheinlich immer noch nicht, trotzdem lässt er sie inzwischen maßvoll und erfolgreich praktizieren.

Favre hat gezeigt, dass sein Erfolg in Berlin kein Zufall war und dass er im Verbund mit einem kompetenten Sportdirektor und einer ruhigen, sachverständigen Vereinsführung phantastische Arbeit abzuliefern weiß. Das alles freilich steht in der nun kommenden Saison wieder auf dem Prüfstand, wenn mit Kruse und Kramer erneut zwei wichtige Spieler zu ersetzen sind und die Belastung durch die Champions League hinzukommt.

Aber in den vergangenen viereinhalb Jahren hat Lucien Favre in Mönchengladbach so oder so derart viel zum Guten verändert – mit dem Erreichen der Königsklasse als Krönung –, dass es für mich nur einen Trainer des Jahres geben kann.

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