TSG 1899 Hoffenheim: Mediales Wohlwollen, aber praktisch gescheitert

Kraichgauer Durchlauferhitzer

Beim aktuellen sportstudio des ZDF scheinen sie einen neuen Liebling zu haben: Julian Nagelsmann, den feschen jungen Neutrainer der TSG 1899 Hoffenheim. Die Berichte über Spiele mit Beteiligung der Kraichgauer bestehen zu einem Großteil aus Bildern von Nagelsmann, wie er das macht, was Trainer eben so machen – jubeln, schreien, die Arme ausbreiten, anfeuern, den Abpfiff fordern. Anschließend darf er dann freundliche Interviews geben, in denen er Welpenschutz genießt. Und zu Nagelsmanns Debüt bot das sportstudio auch nicht wie sonst üblich eine taktische Analyse des Samstagsabendspiels Köln gegen Frankfurt an sondern eine der Partie Bremen gegen Hoffenheim. Doch auch ein noch so jugendlicher, noch so unverbrauchter Trainer sollte eigentlich nicht davon ablenken, dass die TSG 1899 Hoffenheim bislang noch nichts, aber auch rein gar nichts von dem wahr gemacht hat, was sie sich einst auf die Fahnen geschrieben hatte.

Dass die ZDF-Lobhudelei nach dem Nagelsmann-Debüt im Grunde genommen peinlich war, entlarvte schon ein anschließendes Interview mit Torwart Oliver Baumann. Gefragt, ob die vom ZDF minutiös herausgearbeitete Nagelsmann-Taktik von der Mannschaft »überhaupt verstanden« worden sei, bejahte der Schlussmann leicht irritiert und erklärte, allenfalls an Zeit zum Einüben habe es gemangelt. Wer zwischen den Zeilen lesen wollte, konnte dabei durchaus den Satz heraushören, dass es sich bei des Trainers Vorgaben schließlich nicht um Raketenwissenschaft gehandelt habe.

Überhaupt, so möchte man mit der gebotenen Nüchternheit hinzufügen, war die flexible Dreier-Abwehrkette, die Nagelsmann seiner Mannschaft für das Spiel gegen Bremen verordnet hatte, nun wahrlich kein Novum. Mit ganz ähnlichem Konzept gewann Borussia Mönchengladbach unter André Schubert in der Hinrunde gegen Bayern München. Kölns ehemaliger Trainer Stale Solbakken ließ mit Dreierkette und festen, nicht einrückenden Außenverteidigern spielen. In Norwegen und Dänemark hatte er damit Erfolg, im Rheinland nicht. Und beim deutschen Rekordmeister ist ohnehin egal, ob Dreierkette, Viererkette oder Perlenkette.

Der Aussagewert von Formationen tendiert also gegen null. Jeder Trainer trifft Personalentscheidungen, jeder Trainer hat ein Konzept, einen Matchplan – und wir sollten vielleicht einfach mal aufhören, einerseits »Oh!« und »Ah!« dafür zu machen, dass Trainer ihren Job erledigen (Spielzüge einstudieren lassen, das Training leiten und für Erklärungen unterbrechen usw.), während wir es andererseits so darstellen, als könne jeder Schütze Arsch im zweiten Silvester Baumschule einen Bundesligisten zum Klassenerhalt oder in die Champions League führen, weil man die Spieler nämlich nur motivierend anbrüllen muss.

Es dürfte den Machern in Hoffenheim indes sehr in die Karten spielen, dass sich nun alles auf einen 28-Jährigen stürzt, als sei dieser ein Stephen Hawking des Fußballs. Erstens hat die Mannschaft dadurch Ruhe und zweitens lenkt es von den grundsätzlicheren Fragen ab.

Denn der Entstehungsmythos, den Dietmar Hopp und seine findigen Leute einst für die TSG 1899 Hoffenheim in die Welt gesetzt haben und medial munter verbreiten durften, der sah doch eigentlich mal ganz anders aus.

Ein Bundesligaverein in einem (angeblich) strukturschwachen Gebiet, angelegt auf Konstanz und Nachhaltigkeit, als Sprungbrett für junge Talente und Eigengewächse aus der Gegend hätte es werden sollen. Tatsächlich aber ist der Klub eine einzige große Drehscheibe für Spieler, Trainer und Manager, ein Parasit der Jugendarbeit umliegender Bundesligavereine und für viele die Verkörperung von Karriereknick oder gar Karrieregrab.

Auch wenn die mediale Begleitung des »Projekts Hoffenheim« seit jeher wohlwollender ausfällt, als es der praktischen Umsetzung angemessen ist: Die TSG 1899 ist im Grunde genommen ein vereingewordener (Selbst-)Betrug. Das fängt schon mit der Mär an, die über den Standort verbreitet wurde. Der Kraichgau mit Heidelberg, Heilbronn, Karlsruhe, Pforzheim, Stuttgart, Ludwigsburg, Ludwigshafen und Mannheim in der Nähe ist keine Diaspora. Im Carl-Benz-Stadion, der Heimstatt des Ex-Bundesligisten Waldhof Mannheim, trug die TSG im ersten halben Jahr ja sogar ihre Bundesliga-Heimspiele aus.

Dietmar Hopp hat seinen Spielzeugverein nicht irgendwo im nördlichen Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern oder in Brandenburg hingesetzt, wo es wirklich noch nie Bundesligafußball gegeben hat, ganze Dörfer regelrecht entvölkert sind und der Klub mithin tatsächlich zur Strukturbelebung beitragen würde. Er hat ihn als Werbevehikel für SAP in das Einzugsgebiet des SC Freiburg, des VfB Stuttgart und des Karlsruher SC gesetzt.

Und bei diesen bedient sich Hoffenheim munter, was Spieler betrifft. Andreas Beck, Marvin Compper, Matthias Jaissle, Matthieu Delpierre, Jeremy Toljan, Sebastian Rudy, Tobias Weis, Sven Schipplock, Timo Hildebrand, Kevin Kuranyi: VfB Stuttgart.

Oliver Baumann, Daniel Williams, Andreas Ibertsberger, Jonathan Schmid: SC Freiburg.

Kevin Volland, Peniel Mlapa, Fabian Johnson: TSV 1860 München.

Die Nachwuchsförderung des »Modellvereins« Hoffenheim sieht also im Wesentlichen so aus, dass Spieler von Vereinen aus der (weiteren) Umgebung geholt werden. Diese abgebenden Vereine sind jedoch stark auf Nachwuchsförderung angewiesen. Hoffenheim wollte theoretisch einst eigene Jugendspieler herausbringen. Tatsächlich holt der Verein jedoch nur der traditionsreichen örtlichen Bundes- und Zweitligakonkurrenz die Eigengewächse weg und schwächt damit Klubs, die das praktizieren, was sich die TSG einst einschmeichelnd und öffentlichkeitswirksam auf die Fahnen geschrieben hatte.

Der SC Freiburg ist so gesehen die bessere TSG 1899 Hoffenheim. Jahr für Jahr bringt er Talente heraus und macht Spieler besser. Der Trainer kann in Ruhe arbeiten, die »Mechanismen der Branche« sind weitgehend außer Kraft gesetzt, auch ein Abstieg ändert nichts am grundsätzlichen Konzept.

So hätte es auch in Sinsheim mal sein sollen. Zumindest wurde es so mal verkauft. Aber wieder gilt: Grau ist alle Theorie. Statt eines geduldigen und behutsamen Aufbaus sollte im Hauruckverfahren der Erfolg her. Als sich der jedoch nicht wie auf dem Reißbrett geplant einstellen wollte, war es schnell Essig mit den guten Vorsätzen. Als gar der Abstieg drohte, brach die reine Panik aus. Vorbei war es mit Nachhaltigkeit, Leitlinien und Konzepten.

Stattdessen wurde geheuert und gefeuert, was das Zeug hielt – wobei das noch der Teil des Sinsheimer Fußball-Monopolys war, der am ehesten aufgegangen ist. Einen Carlos Eduardo und einen Luiz Gustavo zu holen, hinter denen nach der U-20-Weltmeisterschaft 2007 die halbe Fußballwelt her war, ist nämlich keine Kunst. Sie mit erheblichem Gewinn weiterzuverkaufen, auch nicht. Aber wie holt man einen Tim Wiese vom langjährigen Champions-League-Teilnehmer Werder Bremen nach Hoffenheim, wie einen Adam Szalai von Schalke 04, einen Eren Derdiyok von Bayer Leverkusen oder einem Josip Simunic aus der Hauptstadt Berlin?

Wie macht man solchen Spielern den Kraichgau schmackhaft, wie das fehlende internationale Geschäft – wie, wenn nicht mit fetten Gehältern?

Zu den Regeln sportlicher Gleichheit gehört normalerweise, dass, wer kein Geld hat, nicht investieren kann. Bei Verstößen gegen die simple Gleichung »Kein Geld = keine Investitionen« wurden Klubs schon Punkte ab- und Spielberechtigungen entzogen. Deshalb kann beispielsweise Werder Bremen trotz soliden Wirtschaftens und großer Erfolge in der Vergangenheit keine großen Sprünge machen. In Hoffenheim aber werden seit Jahren Spieler en gros durchgeschleust, ohne dass das Geld dafür zuvor durch sportliche Erfolge erwirtschaftet worden wäre.

Der FVS Mainz 05 war in der Spielzeit 2007/2008 unmittelbar Leidtragender der Hoffenheimer Prasserei. Die Rheinhessen machten 7,5 Millionen Euro Transferplus, die Sinsheimer – als Zweitligist! – über 18 Millionen Minus. Mainz holte seinerzeit Spieler wie Bo Svensson, der sieben Jahre bleiben und zur Klublegende werden sollte, und den damals noch unbekannten Neven Subotic, der heute deutscher Meister und Pokalsieger ist. Unmittelbar aber war es Hoffenheim, das aufstieg. Mainz wurde am Ende Tabellenvierter.

Entsprechend können sie in Hoffenheim zwar darauf verweisen, dass die Idee der sich (zuletzt reichlich) amortisierenden Anschubfinanzierung aufgeht. Das liegt jedoch weniger daran, dass Spieler bei der TSG in großer Zahl besser würden, sondern vielmehr daran, dass der Verein immer mal wieder am Nullsummenspiel der Superreichen teilgenommen hat. Mal war der FC Bayern München Abnehmer für Spieler, mal Rubin Kasan, mal der FC Liverpool.

Ein Aushängeschild wie es für Mainz ein Bo Svensson, ein Elkin Soto oder ein Neven Subotic geworden sind, hat Hoffenheim bis heute nicht. Es gibt keinerlei Identifikationsfiguren. Aytac Sulu, der eine hätte werden können, mischt heute mit Darmstadt 98 die Liga auf. Und obwohl der Baden-Württemberg auffällig zugeneigte schwäbische Bundestrainer einigen Hoffenheimern zu Länderspielen verhalf, liest sich die Liste derer, die in Rheinhessen zu Topleuten gereift sind, weit besser als die der Kraichgauer.

Jan Kirchhoff, Roman Neustädter, Lewis Holtby, Christian Fuchs, André Schürrle, Eric-Maxim Choupo-Moting, Nicolai Müller, Shawn Parker, Eugen Polanski, Adam Szalai und Johannes Geis wurden bei den 05ern besser und empfahlen sich so für (vermeintlich) ambitioniertere Klubs mit größeren Möglichkeiten. Trotz all dieser Abgänge klopfte der FSV seit 2009 zwei mal an die Tür zur Europa League.

Im Vergleich dazu hat Hoffenheim mit Luiz Gustavo (Triple-Sieger mit Bayern München und Pokalsieger mit dem VfL Wolfsburg) und Fabian Johnson (spielte mit Borussia Mönchengladbach zuletzt Champions League) und mit Abstrichen vielleicht noch mit Roberto Firmino (heute FC Liverpool) gerade einmal drei Spieler vorzuweisen, für die der Kraichgau tatsächlich zum Karrieresprungbrett wurde.

Tim Wiese verlernte während seiner Zeit bei Hoffenheim das Fußballspielen hingegen völlig, Eren Derdiyok spielt heute unbeachtet bei KasÄmpaşa Istanbul, Marvin Compper kickt zweitklassig bei RB Leipzig, Takashi Usami ist zurück bei Gamba Osaka, Carlos Eduardo fristet sein Dasein in fußballerischer Bedeutungslosigkeit bei Rubin Kasan und Adam Szalai war zuletzt glücklich, auf Leihbasis beim Tabellenletzten Hannover 96 unterzukommen.

Daneben gibt es eine Vielzahl von Spielern (Anthony Modeste, Joselu, Jannik Vestergaard, Stefan Thesker, David Abraham etc.), die sich nach wenigen Spielzeiten schlicht zu anderen Klubs verändert haben. Hoffenheim beliefert die erste, zweite und dritte Liga in Deutschland, Polen, Brasilien, Peru, Italien, der Türkei und der Schweiz mit Personal. Es ist eine Transferpolitik mit dem Schleppnetz, wie sie sich nur ein Verein leisten kann, für den Geld keine Rolle spielt.

Die TSG 1899 ist die Zeitarbeitsfirma der Bundesliga und besonders für Torhüter ein schlechtes Pflaster. Mehrfach standen derer gleich fünf in einer Saison unter Vertrag. Das Schicksal von Tim Wiese ist hinlänglich bekannt (und doch irgendwie ungeklärt). Ramazan Özcan war der TSG nicht gut genug, ist heute aber Stammtorhüter des FC Ingolstadt, Teil einer der besten Defensiven der Bundesliga und nebenbei mit seinem Verein auch noch deutlich vor Hoffenheim platziert. Oliver Baumann, die aktuelle Nummer 1 im Kraichgau, parierte sich zu seinen Freiburger Zeiten ins Blickfeld der Nationalmannschaft. In Sinsheim ist er davon weit entfernt, war zwischenzeitlich sogar schon umstritten. Was, fragt man sich, macht der Hoffenheimer Torwarttrainer eigentlich hauptberuflich?

Neun (!) Cheftrainer hatte 1899 Hoffenheim in jetzt sieben Jahren erste Bundesliga. Hinzu kommen vier Manager. Dabei war doch einst Konstanz gepredigt worden. Aber an einstige Funktionäre wie Jan Schindelmeiser erinnert sich heute schon niemand mehr. Die Frage drängt sich also auf, ob das Nagelsmännlein der junge Nagelsmann in Hoffenheim tatsächlich eine längere Verweildauer haben wird – und was aus dem vermeintlichen »Trainer-Wunderkind« wird, wenn in Sinsheim mal wieder die Angst umgeht.

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