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Hoffenheim: Wie man’s macht, ist’s falsch

Dietmar-Hopp-Stadion - Foto: P. Schmelzle, Wikimedia Commons

Ende November 2008 war’s, da habe ich mir zwischenzeitlich mal verwundert die Augen gerieben: Der kicker, Deutschlands selbsternanntes »Fußball-Fachorgan«, nannte doch glatt den ehemaligen Aachener Manager Jörg Schmadtke als Entdecker von Vedad Ibisevic. Sie wissen schon, jener Ibisevic, der in Paris kein Bein auf die Erde brachte, ausgeliehen wurde in die Senfstadt Dijon, von dort aus irgendwie in Aachen landete und dann auf einmal für die TSG Hoffenheim traf, wie er wollte, ehe ihn ein Kreuzbandriss stoppte.

Ich war deshalb so überrascht, weil der kicker schon in der letzten Zweitliga-Spielzeit der TSG Hoffenheim so etwas wie die Haus- und Hofpostille des Klubs war. Als ich also die fette Schlagzeile vom »Entdecker« Ibisevics las, musste ich unwillkürlich mit den Augen rollen. Ich fragte mich wie sie es beim »Fußball-Fachorgan« wohl dieses mal hinbiegen würden, dass wahlweise Trainer Ralf Rangnick, der damalige Manager Jan Schindelmeiser oder Sportdirektor Bernhard Peters als Schöpfer des Fußballers Ibisevic dastehen würden. Auf Schmadtke, auf diesen Hauch journalistischer Objektivität, bin ich schon gar nicht mehr gekommen. Denn was in der Zweitliga-Saison mit wohlfeilen Berichten über Hoffenheim angefangen hatte, war nach dem Durchmarsch in die Bundesliga zu einer Medienoffensive erster Kajüte ausgeweitet worden.
Beispiele gefällig?

Da war etwa dieses Bild, das mehr sagte als tausend Worte. Es zeigte Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp beim Golfspiel mit Franz Beckenbauer. Der Milliardär an der Seite der Lichtgestalt des deutschen Fußballs, an der Seite des Mannes, der alles kann und alles darf und dem die Deutschen alles verzeihen würden. Das Foto – Hochformat und etwa die halbe Seite einnehmend – war mehr als ein Ritterschlag. Es war eine Botschaft: Wenn einer wie Hopp mit einem wie Beckenbauer Golf spielt, dann muss der Hopp ein netter Mensch sein.

In der Saison darauf folgte noch eine Steigerung: Während der Vorrunde 2008 titelte der kicker nacheinander von »Rangnicks Visionen«, fragte, »Wie viel Arsenal steckt in Hoffenheim?«,beleuchtete »Jan Schindelmeiser, die unbekannte Größe« und ließ Bernhard Peters für fliegende Wechsel während der Spiele plädieren. Bei der Wahl zum »Fußballer des Monats«, die der kicker zusammen mit der Deutschen Fußball-Liga und dem DSF veranstaltet, standen im Oktober erstmals überhaupt drei Spieler des selben Vereins zur Auswahl. Zieht man in Betracht, dass Ibisevic auch schon im August und September zur Wahl gestanden hatte, dabei aber jeweils abgeschlagen auf Platz 3 gelandet war, kann man angesichts des Oktober-Novums wohl durchaus schon mal die Nachtigall trappsen hören.

Beim Deutschen Sportfernsehen waren im Doppelpass im gleichen Zeitraum schon Hopp, Schindelmeiser und Rangnick zu Gast. Auch das keine schlechte Quote, wenn man bedenkt, dass die Saison zu diesem Zeitpunkt erst drei Monate alt war. Überhaupt fehlte in keiner DSF-Sendung ein Beitrag zu Hoffenheim. Sogar eine eigene Reportage zum Thema gab es. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da mit Macht ein Verein populär gemacht werden sollte.

Sie haben einen erfrischend offensiven Fußball gespielt in Hoffenheim, aber das Rad neu erfunden haben sie dort nicht. Ob Schalker Kreisel, Gladbacher Konter, Freiburger Kurzpassspiel oder Bremer Angriffsfußball – die Bundesliga hat immer etwas übrig gehabt für Mannschaften, die den Hurrastil pflegen. Deshalb sollte die TSG 1899 Hoffenheim vielleicht einfach weiter schön zu spielen versuchen und ansonsten bei der Öffentlichkeitsarbeit die selbe Geduld beweisen wie beim Aufbau ihrer Mannschaft. Nicht jeder Kritik muss gleich mit missionarischem Eifer, mit Einladungen, Überzeugungsarbeit und scharfer Gegenrede begegnet werden. Wenigstens gelegentlich wäre es sicher besser, das eine oder andere weltmännisch zu überhören, die Zeit für sich arbeiten und andere die Schlagzeilen bestimmen zu lassen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich kann dem »Modell Hoffenheim« durchaus etwas abgewinnen und würde mir wünschen, andere Vereine würden ähnlich konzeptionell arbeiten. Denn das, finde ich, könnten sie auch ohne milliardenschweren Gönner im Hintergrund. Weil ich zudem denke, dass auch die TSG 1899 Hoffenheim zwangsläufig nie mehr als 25 Spieler im Kader haben kann, bin ich zuversichtlich, dass auch die anderen Mannschaften in Deutschland immer irgendwie von irgendwoher genug Profis für den Spielbetrieb werden zusammenklauben können. Uns steht also nicht das Ende des abendländischen Fußballs bevor. Entsprechend sind die Hasstiraden von den Rängen für mich auch nichts Weiter als ein Ausdruck von Primitivität und Neid, wie sie in ihren schlimmsten Auswüchsen schon zu den finstersten Kapiteln der Menschheitsgeschichte geführt haben.

Was, bitte, ist denn so falsch daran, wenn ein Milliardär beschließt, sich zwecks Strukturbelebung seiner Heimat des Zugpferds Fußball zu bedienen? Oder, noch mal anders gefragt: Finden wir Reichtum okay, wenn er von Prinzen, Prinzessinnen, Freiherren und Freifrauen kommt, von Williams und Kates,von Viktorias und Daniels und wenn in Schundformaten von Brisant über Prominent bis Red darüber berichtet wird, wenn er glamourös bis protzig zur Schau gestellt wird – nicht aber, wenn er mit sozialem Engagement einher geht? Sollte dem tatsächlich so sein, ist für meine Begriffe echt was faul im Staate Deutscheland.

Damit wir uns weiterhin nicht falsch verstehen: Hysterie im Fußball hat es immer schon gegeben und Hysterie in der Berichterstattung gibt es um so mehr, seit sich die Medien in großer Vielzahl einen Wettbewerb liefern. Erinnert sei an dieser Stelle nur an Oliver Kahns Glanzzeiten 2001/2002, als jede noch so selbstverständliche Parade des Bayern-Torhüters so hochgejubelt wurde, dass sein Kollege Frank Rost irgendwann völlig zu Recht die mangelhafte Objektivität anprangerte. Oder an die erste Saison von Franck Ribéry, als jede Ballberührung des Franzosen zu einer Sensation hochstilisiert wurde.

Insofern ist das alles also nichts Neues. Aber nun kommt der eigentliche Treppenwitz: Auf einmal ist Hoffenheim nämlich nicht mehr das Hätschelkind der Medien. Erst wurde der langjährige Manager entlassen, dann gab es Irritationen um einen Spielertransfer, dann hat der langjährige Trainer hingeschmissen, dann hat ein Spieler die Teilnahme am Trainingslager verweigert und nichts ist es mehr mit dem »Idyll« Hoffenheim. »Zerbricht die TSG Hoffenheim?« heißt es nun. Jetzt schießen die Medien also genüsslich den Drachen ab, den sie vorher haben steigen lassen.

Sogar die Lizenz des Vereins soll angeblich in Gefahr sein. Dabei sollte man doch einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Es kann sich doch nicht ernsthaft jemand darüber wundern, dass das Hoffenheimer Stadion in Sinsheim nicht von Heinzelmännchen aus dem Schwarzwald gebaut worden ist. Andere Vereine haben auch neue oder zumindest renovierte Arenen. Die Kosten für selbige haben sie nur in Stadiongesellschaften ausgelagert, so dass die Schulden für die Spielstätten die Lizenz nicht belasten. Das ist allgemein bekannt. Jeder weiß es, aber niemand rührt daran. Nur bei Dietmar Hopp und Hoffenheim nun kommt alles in den selben großen (vermeintlichen) Schuldentopf.
Rein sportlich gesehen überzeugt mich das Hoffenheimer »Jungendkonzept« in der Tat noch nicht. Denn so falsch es ist zu behaupten, die TSG 1899 Hoffenheim kaufe sich ihre Mannschaft für teuer Geld zusammen, so falsch ist eben auch die Darstellung, dass sie sich dort ihre Spieler backen oder schnitzen. Bislang hat sich die TSG für meinen Geschmack arg eindimensional en gros Talente aus Stuttgart geholt und sich auf der anderen Seite Spieler wie Carlos Eduardo und Luiz Gustavo geleistet, hinter denen spätestens seit der U-20-Weltmeisterschaft 2007 die halbe Welt her war und die eben nicht völlig unbekannt waren. Sie haben eine durchaus gute Transferpolitik gemacht in Hoffenheim, Tobias Weiß und Marvin Compper sind dort Nationalspieler geworden, aber immer aufgegangen ist die Rechnung eben auch nicht, wie das Beispiel Wellington zeigt, den die TSG zuletzt angeboten hat wie Sauerbier. Auch Prince Tangoe hat im Kraichgau nicht gerade reüssiert und soll nun wohl nach Köln ausgeliehen werden.

Auffällig auch, dass sich der erwähnte Marvin Compper im Sportstudio des ZDF ganz wunderbar in der Außendarstellung präsentierte, auf die Frage nach seinem Ex-Trainer in Gladbach, dem »großen Jupp Heynckes« (Zitat Moderator Wolf-Dieter Poschmann), aber nicht mit einer Silbe eingegangen ist. Möglicherweise ist ja auch das Konzept, auch das Politik bei der TSG: Über alles, was vor dem Idyll Hoffenheim gewesen ist, wird tunlichst nicht mehr geredet.

Aus den jüngsten Spielerverkäufen jedoch kann man den Hoffenheimern nun wahrlich keinen Strick drehen. Sie haben immer gesagt, dass sie sich von den Zuwendungen Hopps unabhängig machen und zu diesem Zweck Transferüberschüsse erwirtschaften wollen. Das tun sie nun sogar in recht großem Stil, haben Carlus Eduardo und Luiz Gustavo mit großem Gewinn verkauft, Demba Ba zumindest ausgeliehen und die Aussicht auf weitere Transfererlöse für ihn somit gewahrt. Das zu kritisieren fällt für meine Begriffe in der Tat unter »Wie man’s macht, ist’s falsch.

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