Übertragung der EM-Qualifikation bei RTL

»Wir ham auch ‘ne Tasse!«

Hurra, es ist wieder Länderspielpause! Am Freitag wartet das auf uns, was früher mal ein EM-Qualifikationsspiel gewesen wäre und heute dank UEFA und RTL ein »Juropieän Kwollifaija« ist. Und auch, wenn es sich um einen so »hochkarätigen« Gegner wie Gibraltar handelt, können wir uns sicher sein, dass der Privatsender aus Köln das Länderspiel wieder auswalzen und ausquetschen wird bis zum Gehtnichtmehr.

Ein paar Dinge sind dabei schon vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar klar: Dass Deutschland gewinnen wird zum Beispiel. Und wenn’s ein hoher Sieg wird, ist es ein Muster ohne Wert, und wenn’s ein nicht ganz so hoher Sieg wird, dann … nicht. Jedenfalls steht heute schon fest, dass übers Wochenende alle möglichen und unmöglichen Experten fordern werden, »kleine Fußballnationen« mögen doch bitte eine Vorausscheidung spielen – was aus sportpolitischen Gründen nicht geschehen wird und aus Gründen der Gerechtigkeit auch nicht geschehen sollte. Denn warum sollen ausgerechnet die kleinsten Verbände die größte Belastung haben?

So oder so: Der das Spiel übertragende Fernsehsender RTL hat ein Problem. Die EM-Qualifikation ist so unspannend wie selten. Bei 24 Teilnehmern ist so gut wie ausgeschlossen, dass es Deutschland nicht zur Endrunde in Frankreich schafft. Und Gibraltar, Schottland, Polen, Irland und Georgien sind – auch wenn die DFB-Elf in ihrer Gruppe aktuell nur auf Position vier steht – allesamt keine Gegner ersten Ranges. Gegen einen solchen geht es erst am Dienstag in Vigo. Das Duell gegen Spanien überträgt jedoch, weil Freundschaftsspiel, die ARD.

Die prestigeträchtige Begegnung des Weltmeisters von 2010 gegen den Weltmeister von 2014 können die Fernsehzuschauer dann auch wieder im Stream anschauen. Bei RTL hingegen ist gekniffen, wer das Spiel nicht vor dem Fernsehgerät schauen kann oder will. Stream und auch HD kosten nämlich extra. Keine Unsummen freilich, aber, ganz ehrlich: Für die Berieselung durch Florian König, Jens Lehmann und Co. mit den üblichen tiefschürfenden Interviews, Vorberichten und Analysen zahle ich nicht noch extra. Und ein Gegner wie Gibraltar spielt auch in HD keine schärferen Pässe.

RTLs privater Mitbewerber kabel1 beispielsweise bietet seine Europa-League-Übertragungen immer auch kostenlos als Stream im Internet an. Warum geht bei der Konkurrenz, was bei RTL nicht geht? Eine Frage der besseren digitalen Infrastruktur der durch den Rundfunkbeitrag bevorteilten Öffentlich-Rechtlichen kann es ja nicht sein.

Auf fast vier Stunden gedenkt RTL seinen »Juropieän Kwollifaija« am Freitag wieder auszuwalzen. Ich frage mich: Was außer ein paar Daten über Gibraltar, zusammengeklaubt aus Wikipedia und anderen online verfügbaren Quellen, kann uns da an Infos erwarten, was soll mich und andere so lange vor den Fernseher bannen? Nette Computergrafiken von Spielerportraits haben auch andere, Analysen mit eingekringelten Spielern, Hervorhebungen, Schraffierungen des »freien Raums«, Lupen und Pfeile ebenfalls.

Klar, ich kann mir vorstellen, dass in Köln besonders viele Sektkorken geknallt haben werden, als Deutschland zum vierten mal Weltmeister geworden ist. Etwas Besseres konnte RTL für sein Investment in die Übertragungsrechte für die EM-Quali vermutlich nicht passieren. Mit Fußball lässt sich schließlich kaum etwas falsch machen. Fußball garantiert Bekanntheit und Einschaltquoten und Fußball eignet sich vermutlich auch hervorragend zur Imagepolitur, wenn man ansonsten eher die, nennen wir es mal, »Formate für Menschen von schlichtem Gemüt und/oder ausgeprägter Vorliebe für Mobbing« im Programm hat.

Allerdings ist Fußball auch kein Selbstgänger. Bestes Beispiel hierfür ist der Privatsender tm3, der einmal für ein Jahr die UEFA Champions League übertragen hat. Kurzfristig brachte das dem ursprünglichen »Frauen-Sender« einen Haufen mehr Zuschauer. Trotzdem war tm3 nach nicht einmal zehn Jahren schon wieder Geschichte.

Das wird RTL zwar höchstwahrscheinlich nicht passieren, aber zumindest könnte es sein, dass die Kölner schon bald merken, die Übertragung von Länderspielen erfordert mehr Aufwand als ein Scripted-Reality-Format. Ein bisschen mehr als ein Studio, das aussieht wie die Bordküche von einem mittelklassigen Wohnmobil könnte es beispielsweise schon sein. Und an den Bierbrunnen gehen und den Typen am Zapfhahn fragen, ob denn nun die schottischen oder die deutschen Fans mehr Hopfenkaltschale konsumieren, Bundestrainer Joachim Löw beim Verkabeln filmen zu lassen und ihm einen Espresso in Aussicht zu stellen – dafür gäbe es auf dem Fußballplatz eine Verwarnung wegen Zeitspiels.

An Reporter Marco Hagemann gibt es im Übrigens ausdrücklich nichts auszusetzen. Der redet, weil er 90 Minuten lang reden muss, unterm Strich genau so viel Gescheites und Blödsinniges wie seine Kollegen von ARD und ZDF. Mir persönlich ist er sogar angenehm, weil ruhiger, sachlicher, informierter und objektiver ist als etwa die »ÖR-Fanboys« Tom Bartels, Steffen Simon und Béla Réthy.

Hagemann kann einem vielleicht sogar ein bisschen leid tun. Schließlich muss er immer wieder eine App anpreisen wie Sauerbier, mit der RTL-Zuschauer interaktiv das Spiel kommentieren können. Dabei sollen sie dann so sinnige Fragen wie die nach dem Ausgang des Spiels beantworten. Fast unnötig zu erwähnen, dass das RTL-Fußballvolk dabei weder die Niederlage gegen Polen noch das Unentschieden gegen Irland mehrheitlich prognostiziert hat.

Es ist also das Drumherum, an dem es krankt, weil RTL offenbar fest entschlossen ist, das neue Pferd Fußballübertragung im Rekordtempo zu Tode zu reiten. Florian König bildet vielleicht ein gutes Tandem mit Niki Lauda, wenn er die Zeit zwischen den Werbeblöcken bei der Formel 1 überbrücken soll. Aber Fußball ist nicht Automobilrennsport und Jens Lehmann – nun ja, dem geht ohnehin so ziemlich alles an Schmäh ab. Vom Duo König/Lehmann fühlt man sich schlicht nicht gut unterhalten.

Als Experte von RTL gibt sich der ehemalige Torwart betont sachlich, nett und angepasst. Auch das mutet fast an wie der Versuch eines Imagewandels. Lehmann ist früher mal dadurch aufgefallen, dass er aufdringlichen Fans die Brille von der Nase geklaut oder Schuhe weggeworfen hat, die gegnerische Spieler verloren hatten. Noch vor Kurzem machte er sich lächerlich, als er fabulierte, sein ehemaliger Mannschaftskamerad Thomas Hitzlsperger müsse es als aktiver Fußballer angesichts all der Adoniskörper um ihn herum schwer gehabt haben, seine Homosexualität zu verbergen. Klar, weil der Schwule schlechthin schließlich ohnehin nie an sich halten kann und speziell bei Jens Lehmann ja jeder schwach werden muss. (Man kann Hitzlsperger letztlich wohl nur für seine Selbstbeherrschung bewundern …)

Der RTL-Experte Jens Lehmann jedoch ist von jeder Form kontroverser Aussagen meilenweit entfernt, kommt kamerageschult, glattgebügelt und weichgespült daher. Von der Streitbarkeit früherer Tage ist keine Spur mehr. Es wirkt immer, als habe RTL eine Stelle ausgeschrieben – und Lehmann sei derjenige, der sich für die gebotene Gage zu arbeiten bereit erklärt hat.

Es erscheint jedenfalls undenkbar, dass Jens Lehmann jemals mit Frechheiten à la Mehmet Scholl etwas riskiert. Und weil eben auch seinem Chef Florian König meist nicht mehr einfällt als »Wir ham auch ‘ne Tasse!« – für den Espresso vom Bundes-Jogi nämlich –, ist die Fußballberichterstattung von RTL gähnend langweilig. Und weil die Fußballberichterstattung von RTL gähnend langweilig ist, fällt um so mehr auf, wie viel Zeit in ihr totgeschlagen wird, um sich irgendwie zur nächsten, teuer bezahlten Werbung zu hangeln.

RTL will aus seinem Investment in die TV-Rechte für die Europameisterschaftsqualifikation das Maximum herausholen. Das ist legitim. Die Unlust, mit der die Kölner ihr Gewinnstreben kaschieren, ein maues Produkt anbieten und die Zuschauer dafür zur Kasse bitten (wollen), ist aber schon dreist.

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