Uli Hoeneß Steuerhinterziehung Urteil

Das war’s! War’s das?

Das war’s also. Im Fall der Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß ist das Urteil gesprochen. Der (jetzt ehemalige) Präsident des FC Bayern München ist zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden und hat das Urteil angenommen. Damit bastelt er weiter an seinem eigenen Mythos als aufrechter und ehrenwerter Mann. Doch das kann es eigentlich noch nicht gewesen sein. Zu viele Fragen sind – auch abseits der Person Uli Hoeneß – noch offen.

Es gibt in der aktuellen Debatte um den Fall des Uli Hoeneß drei Gruppen von Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann: 1) Diejenigen, die sofort nach dem Urteil unter dem Stein hervorgekrochen kamen und verkündeten, die Strafe sei viel zu milde. 2) Die Kuhglocken schwingenden Gamsbartträger mit strammen Wadeln und weicher Birne, die einfach aus Prinzip weiter zu Uli Hoeneß halten. 3) Diejenigen, die (wie etwa der Kabarettist Dieter Nuhr) anderen gern ins Stammbuch schreiben, womit man sich beschäftigen sollte und was einen aufregen darf.

Aber der Reihe nach.

Zunächst einmal war es medial mal wieder eine lustige Woche. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich das Gefühl, dass ein Live-Ticker sinnvoll ist, weil der Hinterziehungsbetrag alle fünf Minuten um eine Million gestiegen ist. Obendrein war es für BILD und Focus ein Fest, dass Andrea Titz, die Pressesprecherin des Landgerichts München II, doch tatsächlich jeden Tag in einem anderen Outfit vor die Kameras getreten ist – was ja nun wirklich höchst ungewöhnlich ist, zumal für jemanden, der Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Gut, nach signalrotem Kleid, Leopardenmuster und Schlangenhaut-Look ist es irgendwie schade, dass der Prozess nicht wenigstens noch einen Tag länger gedauert hat, weil wir dann vermutlich erfahren hätten, was – in dubio pro leo – aus dem Fell der im Zoo Kopenhagen getöteten Giraffe Marius geworden ist, aber sei’s drum. Es entbehrt jedenfalls nicht einer gewissen Ironie, dass die genannten wenig feministischen Blätter ihre Altherren-Berichterstattung ausgerechnet über eine Oberstaatsanwältin gemacht haben, deren Spezialgebiet Stalking ist.

Selbst unsere Kanzlerin – das ist die Frau, die uns eigentlich regieren soll – hat sich mal persönlich und nicht nur über ihren Regierungssprecher geäußert, wenn ich auch annehme, das war eher ein Versehen und sie konnte der Situation einfach nicht ausweichen. Aber ich bin mir sicher, sie wird daraus lernen und dafür Sorge tragen, dass man sie nie wieder auf einer öffentlichen Veranstaltung derart überrumpeln kann.

Wie sich Angela Merkel dann allerdings äußerte, das war mal wieder eher unglücklich. Uli Hoeneß’ Entscheidung, auf eine Revision zu verzichten, nötige ihr »Respekt« ab, ließ die Kanzlerin nämlich verlauten. Mit Verlaub: Man kann diese Entscheidung sicherlich gut heißen, begrüßen, anerkennen oder meinetwegen auch respektabel finden – aber »Respekt abnötigen« ist in gleich mehrerer Hinsicht mindestens eine Nummer zu hoch gegriffen. Denn erstens einmal hat Uli Hoeneß nicht mehr getan, als ein unterm Strich für ihn günstiges Urteil anzuerkennen, und zweitens geht von den Worten der Kanzlerin das fatale Signal aus, dass, wer künftig das ihm zustehende legitime Rechtsmittel der Revision in Anspruch nimmt, sich nicht ehrenvoll verhält.

Überhaupt wurden in der vergangenen Woche im Zusammenhang mit Hoeneß reichlich pathetische und übertriebene Begriffe bemüht. Jörg Althoff von der BILD beispielsweise sprach von einer »menschlichen Tragödie« und einem »schwarzen Tag für den deutschen Fußball« – nicht ohne sich zugleich diskret vom gestrauchelten Bayern-Patron abzusetzen. Althoffs Botschaft war dennoch klar: Was schlecht ist für Uli Hoeneß, ist schlecht für den FC Bayern München, ist schlecht für den deutschen Fußball insgesamt. Und dass es dem deutschen Fußball insgesamt schlecht geht, das will ja keiner von uns. Also müssen wir alle für Uli Hoeneß sein und auf die baldige unversehrte Wiederkehr des gottgleichen Wurstfabrikanten hoffen.

Das meistgefilmte Gebäude der Woche dürfte derweil die JVA Landsberg am Lech gewesen sein. Sport1 brachte dabei bevorzugt Bilder von den Stacheldrahtrollen auf der Außenmauer, als würden darin menschliche Skelette hängen. Ehemalige Häftlinge kamen zu Wort und ihren 15 Minuten Ruhm. Untermalt wurde das Ganze mit Musik aus der Serie Prison Break.

Nun mag die Vorstellung von Uli Hoeneß als ganzkörpertätowiertem Ausbrechergenie ja ganz amüsant sein, aber wir sollten die Kirche doch mal im Dorf lassen. In Anbetracht der Höhe des Hinterziehungsbetrags wäre auch eine erheblich längere Haftstrafe für Hoeneß möglich gewesen. Dass er das Urteil akzeptiert hat, ist auch ein Eingeständnis, glimpflich davon gekommen zu sein. Eine Revision hätte zudem bedeutet, dass auf jeden Fall weiter ermittelt wird. Hoeneß hätte sich damit möglicherweise noch ein Jahr der Ungewissheit (und dem medialen Druck) ausgesetzt – und, mutmaßen manche, riskiert, dass noch mehr ans Licht kommt. Nachdem nun jedoch auch die Staatsanwaltschaft auf Revision verzichtet hat, ist das Verfahren abgeschlossen und Hoeneß weiß, woran er ist. Er kann sich darauf einrichten, relativ rasch Freigänger zu werden und nicht mehr als 18 Monate wirklich in Haft verbringen zu müssen. Der Rest der Strafe wird aller Voraussicht nach zur Bewährung ausgesetzt werden. Schon als Freigänger könnte Hoeneß wieder zu arbeiten beginnen – eine Rückkehr in eine Funktion beim FC Bayern hat ihm ja nicht zuletzt Edmund Stoiber in Aussicht gestellt. Solch vorbildliche Angebote zu Resozialisierung würde ich mir mal auch für Straftäter wünschen, die nicht so weich fallen wie ein Uli Hoeneß.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Haft in Landsberg für Hoeneß ein Zuckerschlecken wird. Freiheitsentzug ist eine Strafe, die nur die wenigsten ertragen. Für einen ausgewiesenen Familienmenschen wie Hoeneß und einen, der sich als »Macher« versteht, dürften die Trennung von Frau und Kindern einerseits und die erzwungene Untätigkeit andererseits durchaus eine Qual sein. Allein deshalb liegt es mir fern, mehr Härte gegenüber Hoeneß zu fordern. Allerdings kommt mir die Galle hoch, wenn ausgerechnet die Scharfmacher von CSU und BILD, die ansonsten überhaupt kein Maß und keine Mitte kennen, wenn es darum geht, Menschen zu kriminalisieren, Sozialneid zu schüren und schamlos am rechten Rand zu fischen, jetzt plötzlich ihre liberale Ader entdecken und mildernde Faktoren betonen, die sie bei anderen – man könnte wohl auch sagen: bei weniger guten, zweitklassigen – Menschen nie und nimmer gelten lassen würden.

Ebenso blödsinnig ist freilich auch die allzu einfache Rechnung, dass Hoeneß automatisch die Höchststrafe hätte bekommen müssen, weil seine Selbstanzeige nicht wirksam war. Die Selbstanzeige wurde vom Gericht als nicht wirksam eingestuft und war deshalb nicht strafbefreiend. Das heißt jedoch nicht, dass das Gericht die Selbstanzeige damit als quasi inexistent betrachten musste. Es durfte sie inhaltlich sehr wohl zu Hoeneß’ Gunsten gewichten. Die generelle Frage, wie mit formell unwirksamen Selbstanzeigen umzugehen ist, wäre ein Thema für den Bundesgerichtshof.

Unterdessen hat Uli Hoeneß mit seiner öffentlichkeitswirksamen Rücktrittserklärung den Anschein einer Freiwilligkeit erweckt, die nicht gegeben ist. Selbst, wenn man den FC Bayern München als eine Art Chimäre aus Verein und Unternehmen betrachtet, ist ein Aufsichtsratschef laut Aktiengesetz und Satzung in besonderem Maße zur Einhaltung von Recht und Gesetz verpflichtet, andernfalls kann er seinen Posten nicht ausüben. Und auch die in den letzten Monaten so oft zitierten Governance- und Compliance-Regeln sind nicht nur das Ethik-Larifari irgendwelcher linker Weicheier, es sind Normen zur Vermeidung schon des Anscheins von Mauschelei oder gar Korruption, gegen die zu verstoßen handfeste rechtliche und wirtschaftliche Folgen haben kann. Jeder, der schon mal in leitender Funktion bei einem Unternehmen gearbeitet hat, weiß, dass man sich nicht so ohne weiteres privat von jemandem zum Essen einladen lassen darf, der gleichzeitig geschäftliche Interessen verfolgt. Das Argument, wonach Uli Hoeneß seine Verstöße als Privatperson und nicht als Funktionär des FC Bayern München begangen hat, greift also nicht.

Und das bringt mich zu dem Punkt, weswegen ich glaube, dass der »Fall Hoeneß« eigentlich noch nicht abgeschlossen sein kann. Denn Hoeneß will neben einem Fulltime-Job beim FC Bayern millionenfach Transaktionen an der Börse getätigt haben, was eigentlich nach menschlichem Ermessen zeitlich unmöglich scheint. Das Geld für seine Spekulationen will Hoeneß zudem von dem ehemaligen adidas-CEO Robert Louis-Dreyfus erhalten haben; adidas wiederum ist bekanntlich Anteilseigner an der FC Bayern München AG. Wenn das nicht zumindest ein genaueres Hinsehen rechtfertigt, was genau da zwischen dem mit dem FC Bayern verbandelten Hoeneß und dem mit adidas verbandelten Dreyfus gelaufen ist, weiß ich es auch nicht.

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff ist schließlich auch darüber gestürzt (worden), dass er Privates nicht sorgsam genug von Beruflichem getrennt hat. Die Vorwürfe waren haltlos und trotzdem musste Wulff gehen. Das höchste Amt im Staat nötigte dabei niemandem sonderlichen Respekt ab.

Doch wenn ein schwerreicher Unternehmer zugibt, 28 Millionen an Steuern hinterzogen (und zugleich beim Fiskus hierzulande Verluste geltend gemacht) zu haben, wenn der Betrug also erwiesen und unzweifelhaft ist, dann reckt niemand empört Schuhe in die Höhe. Im Gegenteil, viele nehmen den Verlust ihres Idols in kindischer Weise persönlich und setzen eine trotzige Jetzt-erst-recht-Loyalität dagegen. Das gemahnt an schlimmste Formen von Gehirnwäsche (sofern da was zu waschen ist) und Personenkult. Dabei hat Uli Hoeneß doch nun selbst nach Auskunft von Freunden und Weggefährten an Gutem bei Licht besehen auch nicht mehr getan, als von seinem (an anderer Stelle eingesparten) Reichtum gelegentlich etwas abzugeben und sich väterlich um die Spieler des FC Bayern München zu kümmern.

Wer will, kann natürlich gern an der Überhöhung von Uli Hoeneß festhalten. Niemand braucht sich Gedanken darüber zu machen, was man mit dem hinterzogenen Steuergeld alles hätte machen können. Schließen will ich dennoch mit einem Zitat von Uli Hoeneß selbst. Es lautet: »Kriminelle haben im Fußball nichts zu suchen.«

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