Vertragsauflösung mit Kevin Pezzoni

Dünn und doof

Beim 1. FC Köln greinen sie gerade mal wieder über die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der bösen Medien im Besonderen. Nach der Vertragsauflösung mit Kevin Pezzoni sieht sich der Verein kritischen Fragen ausgesetzt – und reagiert darauf mit Stellungnahmen, die dünn und nicht sonderlich intelligent sind.

Die Hilflosigkeit gegenüber gesellschaftlichen Phänomenen lässt sich oft an den politisch korrekten Phrasen und den linkischen Gesten der Betroffenheit ablesen. Wann immer sich eine Tragödie ereignet, gibt es beispielsweise Leute, die am Ort des Gedenkens ein Pappschild mit der Aufschrift »Warum???« aufstellen. Und im Zusammenhang mit Gewalt im Fußball gehört es zu den gedroschenen Phrasen, von »sogenannten Fans« zu sprechen, die »ja eigentlich keine Fans sind«.

Ob es sich bei Gewalttätern im Fußball um Fans handelt oder nicht, darüber gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen. Der Reflex der sich wiederholenden, immer gleichen Formulierungen jedoch zeigt, dass Übergriffe auf Spieler, Funktionäre und Anhänger anderer Vereine kein spezifisches Kölner Problem sind. Der FC hat im Zuge der Auflösung des Vertrags von Kevin Pezzoni vieles richtig und augenscheinlich sogar besser als andere betroffene Klubs gemacht: Er hat dem Spieler geglaubt, er unterstützt ihn mutmaßlich anwaltlich, er hat den Vorfall publik gemacht und damit (hoffentlich) eine »gesellschaftliche Debatte« angestoßen und er geht, sofern die Täter ermittelt werden konnten, gegebenenfalls mit Stadionverboten und Vereinsausschlüssen gegen sie vor.

Auf keinen Fall darf man dem 1. FC Köln unterstellen, er habe den Spieler Kevin Pezzoni loswerden wollen. Das ist eine haltlose Spekulation. Wenn sie beim FC nicht völlig naiv sind, haben sie die kritischen Reaktionen auf die Vertragsauflösung und den Vorwurf, damit den Pezzoni-Mobbern nachzugeben, vorausgesehen und auf den Spieler entsprechend eingewirkt. Warum es nicht gelungen ist, Pezzoni zum Bleiben zu überreden und warum man ihn nicht bei laufendem Vertrag einfach mal in Urlaub schicken konnte, derweil von Vereinsseite juristisch gegen die Straftäter und medial gegen die Anti-Pezzoni-Stimmung vorgegangen wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hat der 1. FC Köln nicht die Überzeugungskraft eines FC Bayern München und trotz seines rotbehosten BILD-Zeitungs-Werbers Toni Schumacher auch nicht dessen Medienmacht. Unterm Strich bleibt deshalb nur festzuhalten, dass Pezzoni und sein Berater die Vertragsauflösung wollten und der FC diesem Wunsch entsprochen hat. Welche Gründe zu dieser Entscheidung geführt haben, bleibt – möglicherweise auch aus juristischen Erwägungen – unklar.

Genau das ist bei der Kritik am 1. FC Köln in dieser Sache jedoch der springende Punkt: Es bleibt zu vieles unklar. Vorstand und Geschäftsführung sprechen in ihrer Erklärung auf der FC-Homepage davon, »in aller Transparenz auf ein Problem aufmerksam gemacht« zu haben, provozieren aber kritische Nachfragen geradezu, indem sie Behauptungen in den Raum stellen, ohne sie zu belegen. Das reicht in der heutigen Medien- und Informationsgesellschaft aber nicht. Die ihrem Verein per se zugeneigten Anhänger des 1. FC Köln mögen sich damit zufrieden geben; Journalisten hingegen müssen da nachhaken.

So heißt es in der erwähnten Erklärung etwa »Kevin Pezzoni und der 1. FC Köln haben den Vertrag nicht wegen ein paar Chaoten aufgelöst, die den Spieler bedrängt haben« und »Der FC ist seiner Fürsorgepflicht gegenüber Kevin Pezzoni jederzeit nachgekommen«. Beides will ich nicht in Abrede stellen. Trotzdem drängen sich mir Fragen auf: 1) Wenn der Vertrag nicht wegen »ein paar Chaoten« aufgelöst wurde – weshalb dann (zumal der gesamte folgende Absatz eigentlich nur den Schluss zulässt, dass es eben doch »öffentliche Kritik über die letzten Jahre sowie die Vorfälle der letzten Woche« waren, die den Ausschlag gegeben haben)? 2) Inwiefern ist der FC der Fürsorgepflicht gegenüber Pezzoni nachgekommen? Viele sehen nämlich einen Widerspruch zwischen Vertragsauflösung und Fürsorgepflicht.

Allein diese beiden sich eigentlich sofort aufdrängenden Fragen zu beantworten bzw. durch eine geschicktere Formulierung der Erklärung gar nicht erst aufkommen zu lassen, hätte dem 1. FC Köln sicherlich einiges an Kritik erspart. So aber muss sich der Verein den Vorwurf gefallen lassen, dass er ungeschickt, dünn und widersprüchlich informiert und sich dann obendrein auch noch zart besaitet zeigt, wenn er darauf hingewiesen wird.

Sätze wie »Es ist absurd anzunehmen, der 1. FC Köln kapituliere vor aggressivem Verhalten einzelner Störer« und »Wer etwas anderes behauptet, liefert die Vorlage für weitere Chaoten, andere Spieler ins Visier zu nehmen« schließlich sind rhetorische Mottenkiste, Totschlagargument und Eigentor (»Weitere Chaoten«? Wie viele gibt es denn in und um Köln noch?) in einem. Es mag seit 3000 Jahren beliebt sein, den Überbringer der Botschaft zu köpfen, an den Tatsachen geändert hat es jedoch noch nie etwas.

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