Waldemar Hartmann Fall Breno

Volkstribun Waldemar

ARD-Moderator Waldemar Hartmann ist so ein richtiger verhinderter Volkstribun. Einer, der seine Meinung immer danach ausrichtet, wie viel Applaus er dafür bekommt. Er ist die personifizierte BILD-Zeitung, die fleischgewordene öffentlich-rechtliche Schnittstelle zum Boulevard, das gebührenfinanzierte Meinungsbarometer, das Fähnchen im vom Beifall entfachten Wind. Immerhin, er nimmt seinen Auftrag ernst. Denn Hartmann scheint zu glauben, wenn er sein Gehalt schon von uns allen über die GEZ bezieht, dann muss er auch »unser aller« Meinung vertreten. Freilich verfehlt er damit das Thema. GEZ-Gebühren sind nämlich (eigentlich) dazu da, von Quoten und Mehrheitsmeinungen unabhängigen Journalismus zu bieten.

Es ist Jahre her, da sagte Waldemar Hartmann bei einem seiner Ausflüge zum DSF Doppelpass einen Satz, der den Hintergrund für den vorangegangenen Artikel bildete: »Die spielen einmal die Woche Fußball!«
Nun tun »die« – gemeint sind natürlich Fußballprofis und dass die sich mal nicht so anstellen sollen ob der Belastung – selbstverständlich mehr als das. Mit einem Spiel pro Woche kommt man grundsätzlich nur noch selten hin, und der Rest ist Training und mannigfaltige Termine – auch und gerade mit und für Leute wie Waldemar Hartmann. Und wer es eigentlich besser wissen muss und trotzdem einen nachweislich falschen Satz sagt wie »Die spielen einmal die Woche Fußball!«, der ist nichts anderes als ein Populist.

Am Sonntag nun schwang sich der Volkstribun Waldemar Hartmann erneut beim Doppelpass von Sport1 zu Großtaten auf. So ereiferte er sich über das »Unding« der Untersuchungshaft für den unter dem Verdacht der Brandstiftung stehenden Bayern-Abwehrspieler Breno. Niemand sei zu Schaden gekommen, so Hartmann im Rausche rechtschaffener Erregung, und überhaupt: »U-Bahn-Schläger dürfen nach fünf Stunden Vernehmung wieder nach Hause gehen!«

Ja, »U-Bahn-Schläger«, das ist so ein populistisches Muss-Wort. Ich glaube, wenn Hartmann nur irgendwie gekonnt hätte, dann hätte er auch noch die »Pleite-Griechen« in sein betont empörtes Statement aufgenommen oder der Staatsanwaltschaft geraten, sich um »die wirklich wichtigen Dinge« zu kümmern. Steuerhinterziehung hätte sich als Beispiel angeboten.

Nun verstehe ich insbesondere Uli Hoeneß durchaus, wenn er sich vor seinen Angestellten Breno stellt. Das ist löblich, auch wenn ich persönlich mich nicht derart echauffieren würde. Und im Lichte jüngster Promi-Prozesse würde ich auch sehr dafür eintreten, dass sich Strafverteidiger wie Staatsanwälte gleichermaßen in Zurückhaltung üben und jeden Anschein von Profilierungsstreben vermeiden. Auch würde ich vom Pressesprecher der Münchener Staatsanwaltschaft durchaus erwarten, dass er sich etwas geschickter auszudrücken weiß und nicht von »Herrn Breno« spricht. Aber: Man kann nun beim besten Willen nicht behaupten, dass beim Niederbrennen von Brenos Wohnung niemand zu Schaden gekommen ist. Vom Schock abgesehen, den der Verlust persönlicher Besitztümer und ideeller Werte für Brenos Frau und Kinder möglicherweise darstellt, frage ich mich, wie Waldemar Hartmann wohl aus der Wäsche gucken würde, wenn ihm seine vermietete 1,5-Millionen-Villa abfackelte.

Es mag sein, dass die Staatsanwaltschaft im Fall Breno zu schematisch und reflexartig reagiert hat und ohne ausreichende Würdigung der Umstände einfach wie bei jedem anderen Ausländer Fluchtgefahr vorausgesetzt hat. Eine geräuscharme Klärung dieser Frage sieht für mich jedoch anders aus. Außerdem bezweifle ich, dass Waldemar Hartmann bei anderen Straftaten ähnlich auf die Hintergründe abstellen würde. Ein Kreuzberger Autonomer, so unterstelle ich einmal, dürfte sich keine Hoffnungen machen, dass Lebensumstände, Gesundheitszustand, drohende oder tatsächliche Arbeitslosigkeit und Intoxikation bei einem Populisten wie Hartmann als mildernd gelten würden.

Neben diesem Messen mit zweierlei Maß ist es das Merkmal von Populisten, dass sie Sachverhalte gern mal in unzulässiger Weise verkürzen, weil sie sich nur so zu Dingen äußern können, von denen sie keine Ahnung haben. Ich jedenfalls bin kein Jurist und kann nicht beurteilen, wie und warum die Strafverfolgungsbehörden in München so entschieden haben, wie sie entschieden haben. Genau deshalb aber billige ich den mit dem Fall betrauten Fachleuten die entsprechende Kompetenz zu und maße mir bei aller Skepsis in einzelnen Punkten keine Generalkritik an – nicht an der Münchener Staatsanwaltschaft und noch viel weniger am deutschen Rechtssystem als solches. Wer der Meinung ist, es stünde schlecht um die hiesige Gerichtsbarkeit, der möge seinen Blick mal kurz nach Syrien oder auf den Jemen richten, wo sich Menschen seit Monaten zusammenschießen lassen, um sich von Willkürjustiz zu befreien. Und: Selbst als Halbgebildeter auf juristischem Gebiet weiß ich, dass eine Gewichtung der Umstände (Alkoholeinfluss, Eheprobleme, Zukunftsangst) nicht Sache der Staatsanwaltschaft ist. Diese zu klären und gebührend zu berücksichtigen, ist Sache des Gerichts.

Waldemar Hartmann ist jetzt 63 Jahre alt und trotzdem für keinen dummen Spruch zu schade. »Alkohol löst keine Probleme, Cola aber auch nicht«, gab er im Doppelpass zum Besten – ein unter Teens und Twens in Internetforen beliebter und mithin hinlänglich bekannter Slogan, der aus dem Mund eines Beinahe-Rentners nicht cool klingt sondern allenfalls peinlich. »Wem es am Herd zu heiß ist, der darf nicht Koch werden«, ließ er mit Bezug auf den wegen eines Burnout-Syndroms zurückgetretenen Ralf Rangnick verlauten und stieß damit so undifferenziert ins gleiche Horn wie manch mitleidlose sozial inkompetente Anrufer bei Sport1.

Ich möchte deshalb auch mit einem abgedroschenen Spruch schließen, der nicht auf meinem Mist gewachsen ist: Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Klappe halten!

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4 Antworten auf Waldemar Hartmann Fall Breno

  1. M.J. sagt:

    Bin über 11Freunde auf diesen Artikel gestoßen und komme nicht umher, hier mal Beifall zu klatschen: du sprichst mir hier absolut aus der Seele! Der wirklich unerträgliche Waldemar Hartmann ist mir in der Vergangenheit schon immer wieder als furchtbarer Phrasendrescher ohne Rücksicht auf Verluste (und darüber hinaus auch ohne jedes Moment der Reflektion über das, was er da von sich gibt) negativ aufgefallen.

    Dass sich jemand wie Hartmann damit wunderbar in das Kollektiv von Sport1 im Allgemeinen und dem Doppelpass im Speziellen einfügt und nicht sonderlich herausfällt, ist schon schlimm genug, aber letztlich nur konsequent, wenn man bedenkt, mit welcher Vehemenz bei den Privaten jegliche Form von Niveau bis zur endgültigen Ausrottung bekämpft wird. Was mich traurig stimmt, ist in der Tat, dass Hartmann das beste Beispiel dafür ist, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen ebenfalls längst dieser Maxime gebeugt haben.

    Wenn man im Sportbereich eine intelligente und reflektierte Berichterstattung und Fußballkultur jenseits plumper Stammtischparolen sucht, wird man im TV leider kaum mehr fündig. Ein Glück, dass 11Freunde und die Bloggerszene hier noch die Fahne hoch halten. Insofern macht mir dieser Artikel wiederum Hoffnung.

  2. tobiwan sagt:

    sehr treffende analyse dieses unerträglichen und leider auch von meinen gebühren entlohnten stammtischselbstdarstellers. danke.

  3. Ballanitis sagt:

    Es ist sowieso eine Kompetenzüberschreitung sonder Maß, dass der Fall in allen Medien jeweils IM SPORTTEIL verhackstückt wurde. Entweder wäre das etwas für die Gerichtsreporter gewesen oder für den Boulevard Oder für die Schublade des Verschweigens, aber dass sich Hinz und Kunz (nicht Stefan) und Franz (der hat tatsächlich mal nichts gesagt, wurde aber auch nicht gefragt) und alle sonstwie im Sportjournalismus (eigentlich eine contradictio in adiecto) Dilettierenden dazu geäußert haben, illustriert einmal mehr die Not dieser journalistischen Versagernische, tagtäglich substantielles über etwas generell Substanzarmes in die Blätter, den Äther, die Sites zu bringen. Der vom sicherlich ebenso unberufenen Karl-Heinz Rummenigge getadelte Promimalus bestand schon in der Publicity an sich, wandelte sich aber darob wie durch ein Wunder in den Bonus all der Promis, die sich dazu zu äußern genötigt fühlten.

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