WDR 2 Klartext: Volker Hirths Problem mit dem Gewinner Markus Rehm

Und die Erde ist eine Scheibe …

Besondere Umstände (und Leistungen) erfordern besondere Maßnahmen. Deshalb will ich mich in diesem Artikel ausnahmsweise mal nicht dem Fußball widmen sondern der Leichtathletik, genauer gesagt der deutschen Meisterschaft im Weitsprung von Markus Rehm – und dem »Problem«, das Volker Hirth vom WDR daraus macht und damit hat.

Ich mag per se keine sogenannten »Klartextredner«. »Klartextredner« wecken bei mir automatisch Assoziationen an Stammtisch und Bierzelt. Deutschlands vielleicht bekanntester »Klartextredner« ist Uli Hoeneß, und der hat gelogen und betrogen und sitzt dafür gerade eine Haftstrafe ab.

Insofern sollte ich von einer Kolumne, die »WDR 2 Klartext« heißt, möglicherweise gar nichts anderes erwarten, als tumbe Schmähschriften. Was Moderator Volker Hirth nun aber zur deutschen Meisterschaft im Weitsprung von Markus Rehm vom Stapel gelassen hat, ist an Ignoranz kaum noch zu überbieten. Sein vermeintlicher »Klartext« ist im Grunde genommen eine reine Ansammlung von Unterstellungen.

Doch bevor ich dazu komme, möchte ich zunächst mal kurz schildern, wie das so ist als Mensch mit Behinderungen und Sport und warum es mir so wichtig ist, dass ich dafür sogar hier, in einem Blog, in dem es normalerweise um Fußball geht, einen Artikel darüber schreibe.

Als ich noch zur Schule ging, durfte ich nie am regulären Sportfest teilnehmen. Für mich als Mensch mit Behinderung gab es an einem anderen Tag ein »Behindertensportfest« irgendwo in der Nähe von Mainz, mit »Häuptling Silberlocke« Dieter Kürten als Schirmherr. Dort gab es so aufregende Disziplinen wie »Basketball-Zielrollen«, wobei das Ergebnis ohnehin völlig irrelevant war, denn eine Urkunde und eine »Medaille« gab es am Ende sowieso für alle. Es waren grandiose Staubfänger.

Ich will gar nicht bestreiten, dass diese Sportfeste für viele der Teilnehmenden ein Spaß waren. Für mich waren sie es nicht. Für mich, der ich im »normalen Leben« mit Nichtbehinderten Fußball, Tischtennis oder Squash gespielt habe, Bällen nachjagte und um Punkte und Tore spielte, waren »Behindertensportfeste« die pure Langeweile, eine lästige Pflichtübung, völlig reizlos. Es gab keine sportliche Herausforderung, keinen Wettstreit. Und wenn wir uns nach Abschluss der »Wettkämpfe« mal einen Fußball schnappten, um irgendwo noch eine Runde zu kicken und uns ein bisschen zu verausgaben, konnte es sein, dass ein Aufseher kam und uns wortlos die Pille wegnahm – mutmaßlich, damit wir armen behinderten Kinderlein keinen Hitzschlag bekamen.

Ich weiß nicht, ob Volker Hirth mal ein solches »Behindertensportfest« erlebt hat – und wenn, ob er in der Lage wäre, sich die schiere Agonie vorzustellen, die es für jemanden darstellt, der möglichst normal behandelt werden will, der sich sportlich messen, an seine Grenzen kommen, der gewinnen und, ja, im Zweifelsfall auch verlieren will. Aber vielleicht genügt es zu sagen, dass ich, sobald ich 16 Jahre alt und mir die Teilnahme am »Behindertensportfest« freigestellt war, an dem fraglichen Tag lieber zur Schule gegangen bin und die Agonie einer Doppelstunde Mathe der eines Tages auf einem Ascheplatz in Nieder-Olm vorgezogen habe.

Volker Hirth schreibt von einem »Bärendienst« und einem »völlig unnötigen Problem«, das Markus Rehms deutsche Meisterschaft im Weitsprung darstelle. Wohlgemerkt: Der Sieg Rehms ist es, der Wirth umtreibt. Ein behinderter Sportler, der sich mit Nichtbehinderten messen will, ist okay, so lange er nur ein bisschen mithüpft. Nur gewinnen darf er halt nicht. Nun aber, so Hirth, habe »der Deutsche Leichtathletikverband den Schwarzen Peter«.

Hirth unterstellt weiter, die Veranstalter hätten still und heimlich gehofft, Rehm werde allenfalls eine durchschnittliche Weite springen. Belegen kann er diese wolkige Behauptung nicht. Der Gedanke, dass der Deutsche Leichtathletikverband einen Sieg Rehms ins Kalkül gezogen haben könnte und sich der eventuellen Konsequenzen bewusst war, scheint Wirth fremd.

Überhaupt ist das ja alles unnötig und Firlefanz und lästig. »Was bitte haben dann Prothesenspringer bei Wettkämpfen von Nichtbehinderten zu suchen? Weil ihnen die Aufmerksakeit [sic] fehlt? Falsch! Die Paralympischen Wettbewerbe 2012 waren genauso ausverkauft wie dies [sic] Olympischen. Der Behindertensport ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Warum sollen jetzt Behinderte Sportler, krampfhaft und mit vielen Fragezeichen versehen, den Beweis antreten, den Nichtbehinderten scheinbar überlegen zu sein? Das haben sie doch gar nicht nötig. Und völlig unnötig war es, Markus Rehm eine Starterlaubnis zu erteilen«, lässt Hirth verlauten.

Mir ist zwar nicht bekannt, dass Hirths Brötchengeber WDR abseits der erwähnten alle vier Jahre stattfindenden Paralympics von Sportwettkämpfen für Menschen mit Behinderungen berichten würde, und London 2012 war bislang auch nur die rühmliche Ausnahme, aber: Es ist doch alles fein, alles gut! Wenn ein Sportler mit Behinderung bei der deutschen Meisterschaft im Weitsprung antritt und dann auch noch die Unverfrorenheit hat zu gewinnen, dann tut er das selbstredend nicht aus sportlichem Ehrgeiz. Er tut es, weil er nach Aufmerksamkeit heischt. Das unterscheidet ihn im übrigen auch grundlegend von trollenden WDR-2-Moderatoren.

Als guter Diskutant weiß Volker Hirth natürlich auch, wie man sachlich argumentiert. Das hat er sich vermutlich bei Franz-Josef Wagner von der BILD abgeguckt. Man nehme einfach ein paar leicht zu recherchierende Fakten (der menschliche Fuß besteht aus 26 Knochen) und verquirle sie mit schwärmerischen Formulierungen wie »[von der] Evolution zu einer meisterlichen Zusammenarbeit gebracht«, fertig.

Aber bevor nun jemand auf die Idee kommt, diesen Ansatz mal konsequent weiterzuverfolgen, Hirth mit seinen eigenen (stumpfen) Waffen zu schlagen und dezent darauf hinzuweisen, dass eine Prothese, egal wie »Hightech«, eben möglicherweise doch nicht so gut ist wie das »anatomisch erstaunliche Gebilde« menschlicher Fuß, schiebt der gewiefte Klartextredner dem natürlich flugs einen Riegel vor: »Und es interessiert mich überhaupt nicht, ob es eine wissenschaftliche Erkenntnis gibt, ob und wenn ja, welche Vor- oder Nachteile ein behinderter Springer oder Sprinter gegenüber anderen hat. Das Hightech-Ding unter dem Knie hat mit einem menschlichen Unterschenkel nichts zu tun. Basta!«

Ja, so ein »Basta!« kommt immer gut, da spürt man sofort: Da ist jemand offen und unvoreingenommen. Und wenn er eventuelle wissenschaftliche Erkenntnisse gleich lapidar vom Tisch wischt, kann sich Hirth gewiss sein, der deutsche Michel wird ihm Beifall spenden. Fakten stören schließlich nur. Allein diese OECD andauernd mit ihren Studien! Korruption, Integration, Kinderarmut, Betreuungsgeld – muss man denn dauernd alles wissenschaftlich aufarbeiten und womöglich noch auf Defizite hinweisen? Kann man nicht einfach mal sagen: Läuft schon seit 2000 Jahren so, kann auch die nächsten 2000 Jahre weiter so laufen?

Volker Hirth mag für sich reklamieren, mit seinem trollenden »Klartext« die vielbesungene »nötige Diskussion« anschieben zu wollen. In seiner Unsachlichkeit liefert er jedoch nur Steilvorlagen für unlautere Vergleiche und befeuert Klischees. Ein Sportler mit Prothese ist kein Terminator oder Cyborg. Er hat einen notdürftigen Ersatz und nicht etwa ein Zusatzgerät, erst recht keinen »Raketenrucksack« und keine »Sprungfedern«, wie einige Facebook-Kommentatoren nun erwartungsgemäß schon als »Ausgleich« für nichtbehinderte Sportler fordern.

»Was, wenn jetzt andere Behinderte auch auf die Idee kommen, diesem Beispiel zu folgen?«, fragt Hirth, als müsse einem diese Vorstellung aus irgend einem Grund Angst machen. Dabei ist der Gedanke nüchtern und sachlich betrachtet gar nicht so befremdlich. Ich hatte zum Beispiel zu besagten »Behindertensportfest«-Zeiten einen Schulkameraden, dem aufgrund einer Schädigung eine Hand gänzlich fehlte, während die andere fehlgebildet war. Er war trotzdem pfeilschnell und ein brillanter Fußballer. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, ihn mit der Begründung nicht im Verein spielen zu lassen, dass er keine Handelfmeter verursachen konnte.

Was Volker Hirth in seinem »Klartext« bei WDR 2 fordert, ist meiner Meinung nach ein von persönlichem Unbehagen getragener Rückschritt, ein »Separate but equal« der anderen Art. »Leider kam es ja nicht so, Rehm gewann, und jetzt haben alle ein Problem«, schreibt Hirth (Hervorhebung von mir). Nein, lieber Herr Hirth, wir haben kein Problem, wir haben einen neuen deutschen Meister im Weitsprung. Das Problem haben Sie.

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2 Antworten auf WDR 2 Klartext: Volker Hirths Problem mit dem Gewinner Markus Rehm

  1. Ilse Arnauld des Lions sagt:

    Lieber mario,
    Deinen Kommentar sollte den Klartext von Morgen sein. Bitte schicke es dem WDR zu!
    Hut ab!
    Schöne Grüße
    Ilse

  2. habitha sagt:

    Hirth hatte Glück, dass ich einen Termin hatte, als sein Kommentar im Radio lief. Sonst wäre ich bis zum WDR gefahren (für mich 70 Km), um dem Kerl mal die Meinung zu sagen.

    Wenn es wenigstens nur um die Prothese Rehms ginge. Aber nein. Andeutungen, dass sich jetzt Menschen das Bein amputieren ließen, um dann mit Prothese weiter zu springen oder dass andere Behinderte jetzt auch auf die Idee kämen, an “normalen” Sportveranstaltungen teilzunehmen, zeigt nur, wie diskriminierend und behindertenfeindlich Deutschland ist.

    Das fängt bei rehm an und geht weiter über das basse Erstaunen über einen Blinden, der sich problemlos allein im Verkehr zutrechtfindet oder einen Gehörlosen, der einen ganz normalen Job hat oder einen geistig Behinderten, mit dem man sich ganz fundiert über die Nahost- Krise unterhalten kann.

    Alle akzeptieren Behinderte, aber anscheinend nur, wenn Behinderte Nichtbehinderte in Nichts übertreffen und auch nicht genauso gut sind. Sind sie es doch, sind sie “ein Problem”, weil ein Behinderter, der das Gleiche schafft wie ein Nichtbehinderter, hierzulande nicht ins Verständnis von Behinderung passt.

    Ein sehr guter und wichtiger Artikel!

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