Werder Bremen: Strukturschwäche?

Bremen fehlt einer wie Born

Der SV Werder Bremen macht eigentlich nur das, was er all die Jahre gemacht hat – mit Per Mertesacker, Miroslav Klose, Valérien Ismael, Claudio Pizarro, Diego oder Mesut Özil: Er gibt gute Spieler, vielleicht sogar seine besten, ab und holt dafür neue. Dieses Konzept haben die Hanseaten jahrelang sehr erfolgreich betrieben. Nach zuletzt zwei Spielzeiten ohne internationales Geschäft aber werden nun die Fotos rausgekramt, die Klaus Allofs irgendwie ratlos zeigen sollen. Das beliebte Wort »Ausverkauf« macht die Runde.

Leergesichtig, sich mit der Hand über den Mund fahrend, düster dreinblickend. So zeigen die Medien Werder Bremens Geschäftsführer Sport, Klaus Allofs, momentan am liebsten. Dabei gäbe es doch durchaus Positives von der Weser zu vermelden: Clemens Fritz etwa hat seinen auslaufenden Vertrag verlängert, Sebastian Prödl könnte es ihm demnächst gleichtun, Neuzugang Sokratis Papastathopoulos war ein Volltreffer auf dem Transfermarkt, das Missverständnis Wesley konnte zur Winterpause transferiert werden, mit François Affolter sicherten sich die Hanseaten die Dienste eines großen Abwehrtalents, die Transferbilanz weist einen Überschuss von elf Millionen + aus.

Als Abgänge stehen momentan hingegen nur zwei Spieler wirklich fest: Tim Wiese, der einst ablösefrei gekommen war, nun ablösefrei geht und mit seiner extrovertierten rheinischen Art ohnehin nicht unbedingt beliebt war bei den Bremer Anhängern, sowie Marko Marin. Der ist dem Champions-League-Finalisten (!) FC Chelsea ein Jahr vor Vertragsende (!) laut Observer acht Millionen Pfund wert. Und laut dpa wiederum soll die Sonntagsausgabe des Independent Marin gar als den »deutschen Messi« gepriesen haben.

Nun neigt die englische Presse zwar bekanntlich gern mal zu leichten Übertreibungen, aber jeden Blödsinn über sie sollte man denn doch nicht glauben. Der Independent-Vergleich Marins mit Messi bezieht sich gewiss nicht auf die individuelle Klasse insgesamt, sondern allenfalls auf die Spielweise. Marin ist ein »Fummler« wie Messi. Mehr soll den geneigten, im deutschen Fußball möglicherweise dennoch nicht so bewanderten britischen Lesern damit nicht gesagt werden. Kit Holdens Blog jedenfalls ist von Lobgesängen auf Marin weit entfernt.

Auffällig ist, dass englische Medien sehr wohl Zahlen zum Marin-Abschied nennen, wohingegen sich deutsche an die offizielle Lesart des Stillschweigens über die Ablösesumme halten. Das zeigt die unterschiedliche Lesart hüben und drüben. Auf der Insel betont man, wie viel Geld Chelsea (wieder einmal) für einen Spieler ausgibt, hierzulande behauptet man dagegen, Marin sei ein Sinnbild für verfehlte Bremer Transferpolitik.

Wenn die aus England kolportierten Zahlen jedoch auch nur ungefähr stimmen, bedeutet das, der SV Werder hat mit Marko Marin durchaus noch einen Transfergewinn gemacht. Auch die Zahlen, die etwa der kicker zu Marin anführt, sprechen nicht für einen Transferflop: 86 von 102 möglichen Spielen in drei Jahren, acht Tore und 30 Vorlagen sind wahrlich keine schlechte Bilanz. Die von kicker online genannte Durchschnittsnote von 3,56 weicht übrigens von der in der Printausgabe (32/2012) ab. Dort ist noch von einem sehr guten Notenschnitt von 3,32 die Rede. Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.

Um aus Marin das »Symbol für das Ende einer Ära« (dpa-Meldung vom 29. April) zu machen, muss kräftig getrickst werden – zum Beispiel, indem man an den Brasilianer Carlos Alberto erinnert und Marko Arnautovic für schwer vermittelbar erklärt, obwohl ihn Werder Bremen gar nicht abgeben will. Ausdrücklich nicht vorgesehen scheint in diesem Szenario, dass Arnautovic sein Potenzial ausschöpft und seinen Marktwert steigert – wie zuletzt etwa Tom Trybull, Alexandar Ignjovski, Florian Hartherz oder Zlatko Junuzovic.

Fakt ist: Schon im Jahr von Arnautovics Verpflichtung und Carlos Albertos endgültigem Abgang aus Bremen hat Werder etwa fünf Millionen Euro Transferüberschuss erwirtschaftet. Die Minusgeschäfte Wesley und Carlos Alberto werden niemanden so sehr schmerzen wie die hanseatischen Kaufleute von der Weser, wurden aber wirtschaftlich aufgefangen. Das ist nicht das Ende einer Ära sondern die Fortsetzung des typischen Bremer Wegs.

Werder hat mit dem ersten Verpassen des internationalen Geschäfts sofort auf die geänderten finanziellen Rahmenbedingungen reagiert und den Umbruch eingeleitet. Für diese Phase des Übergangs kamen Leute wie Mikael Silvestre oder Andreas Wolf. Beide waren ablösefrei. Der Vertrag des einen läuft nun wie vorgesehen aus, der andere wurde nach einem halben Jahr weitertransferiert. So unorthodox das auch anmuten mag, letztlich kassierte Werder für Wolf mehr Ablöse, als die auf Leihbasis als Ersatz geholten Affolter und Papastathopoulos zunächst an Gebühr gekostet haben.

Natürlich gibt es in Bremen nach der schlechtesten Rückrunde der Vereinsgeschichte vieles aufzuarbeiten. So wurde beispielsweise mit Marin ein Spieler verpflichtet, der seine Stärken auf einer Position hat, die es im Bremer System mit Mittelfeldraute so gar nicht gibt. Da hätte Martin Harnik – ebenfalls kein Ruhmesblatt Bremer Talentförderung – eigentlich schon als mahnendes Beispiel dienen müssen. Denni Avdic und Sandro Wagner konnten die Mannschaft bislang ebenfalls noch nicht voran bringen, und Markus Rosenberg ließ die nötige Konstanz vermissen. Taktische Defizite wie die anhaltende Anfälligkeit bei Eckbällen und das nicht abzustellende naive Verhalten bei Kontern kommen hinzu.

Vielleicht zeigt sich aber auch erst jetzt, wie wichtig Jürgen L. Born für Werder Bremen gewesen ist. Der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung hat den Verein stets eloquent und weltmännisch repräsentiert. Seine Kontakte nach Südamerika, seine Kenntnisse von Mentalität und Sprache, dürften Manager Klaus Allofs sehr geholfen haben, wie allein der Transfer von Nelson Valdez belegt. Born blieb selbst dann noch souverän, als er kurz vor Ende seiner Amtszeit bei Werder unberechtigt der Bereicherung an Transfers bezichtigt wurde. Obwohl es sich dabei um ein echtes Schmierenstück mit gestohlenen und manipulierten Dokumenten handelte, stellte Born das Image des Vereins über seine persönlichen Interessen und trat sofort zurück.

Heute fehlt jemand wie er. Klaus Allofs scheint durch die aufreibende Doppelfunktion als Geschäftsführer Profisport und Vorsitzender der Geschäftsführung eine zumindest größere Streuung bei seinen Transfers zu haben als früher. Die Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtsrat und insbesondere dessen Vorsitzenden Willi Lemke, die es früher sicherlich auch gegeben hat, laufen heute geräuschvoller ab. So kabbelten sich Ist-Manager Allofs und Ex-Manager Lemke beispielsweise öffentlich wochenlang über die Verpflichtung von Papastathopoulos – eine für Bremer Verhältnisse ungewohnt schlechte Außendarstellung. Es fehlte einer, der das Thema nach innen moderierte und nach außen kommunizierte – einer wie Jürgen L. Born.

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