Wie mir die AfD die Europameisterschaft verleidet

Fußball soll einen, nicht spalten

Ein großes Fußballturnier, das bedeutet vor allem eins: Werbung, Werbung, Werbung! Und nicht nur Unternehmen nutzen seit Jahr und Tag die Reichweite des Themas »Fußball«, traditionell nutzen auch Politiker die Tribünen der Stadien gern als Sonnendeck, um etwas vom Glanz der Sportler abzubekommen. Insofern verwundert es nicht, dass auch die Alternative für Deutschland (AfD) die anstehende Europameisterschaft als Plattform nutzt. Aufgesprungen auf das Trittbrett des fahrenden EM-Zugs, verschleudern von Storch, Gauland, Petry und Co. kalkuliert ihre Geistesgülle.

Für mich persönlich gibt es viele Gründe, der kommende Woche beginnenden Europameisterschaft indifferent gegenüberzustehen: Die schlichte Übersättigung mit Fußball, die mangelnde Qualität der Spiele bei solchen Turnieren, den Heiterkeits-Gruppenzwang, die Kaderzusammenstellung der deutschen Nationalmannschaft.

Ich weiß wohl, dass diese Punkte für viele Menschen nicht zählen. Sie sehen keinen Widerspruch darin, sich erst eine ganze Spielzeit am »Flop« André Schrürrle, am »Bankdrücker« Mario Götze und an den »nur noch« in der Türkei aktiven Lukas Podolski und Mario Gomez abzuarbeiten und abzureagieren, um genau diesen Spielern dann wenig später vier Wochen lang (und nur diese vier Wochen lang) zuzujubeln.

Ich frage mich indes, was Jogi Löw mit einer Trümmertruppe erreichen kann, die wesentlich aus Spielern des FC Bayern München besteht. Der ist doch schließlich zuletzt »nur« zum vierten Mal in Folge deutscher Meister und »nur« Pokalsieger geworden und hat wieder »nur« das Halbfinale in der Champions League erreicht. Mehr als Vorrunde dürfte da nicht drin sein.

Und dann diese Werbung!

Sechs Wochen lang Fußball flächendeckend, an deren Ende man verwundert feststellt, dass ja in der Zwischenzeit das eine oder andere Gesetz verabschiedet wurde und überhaupt die Welt nicht sehen geblieben ist. Dann folgen zwei Wochen kalter Entzug, dann der Wiedereinstieg mit Liveübertragungen von Biersponsor-Werbekicks gegen eine Truppe von mit ihren Stollen den Rasen vertikultierenden Fans. Denn merke: Fußball ist das einzige Produkt, dessen Wert steigt, wenn man davon viel, unendlich viel, auf den Markt wirft.

Schon jetzt ist das Reklame-Bombadement ja kaum noch auszuhalten. Mit Fußball wird alles und jedes beworben: Die Zahnbürste, das Auto, die Geldanlage, der Fernseher, der Rasierer. Bastian Schweinsteiger als bärtiger König im Kettenhemd mag da noch die originelle Ausnahme sein, der große Rest jedoch ist beliebig, belanglos, abgeschmackt. Das einzig erkennbare Muster scheint zu sein, das Fußball-Werbung möglichst wenig mit den Protagonisten zu tun haben muss. Der kein Wässerchen trüben könnende Philipp Lahm als Testimonial für Mineralwasser – okay. Aber dass bei Fußballern Bier, Knabberzeug, koffeinhaltige Zuckerbrause oder Fastfood auf dem Speiseplan stehen oder sie wie du und ich ein wertminderndes Girokonto bei der Bank um die Ecke haben, das glaubt wohl niemand.

Aber weil’s offensichtlich so wunderbar einfach ist, mit Fußball Werbung zu machen, besetzt jetzt auch die Alternative für Deutschland (AfD) das Thema. Nicht genug also damit, dass sich die Populisten-Partei penetrant wie Schweißfüße in alle »ähnlichen Beiträge« auf Facebook und alle »ähnlichen Videos« auf Youtube drängt, nun verleidet sie einem auch noch den Fußball. Und nichts ist ihr dazu augenscheinlich zu blöd.

Mir wird ja oft gesagt, dass ich mit meinen Beiträgen zu spät dran bin. Tatsache jedoch ist: Im Fußball kommt so vieles zur Wiedervorlage, dass ich mich gar nicht unter Zeitdruck setzen muss. Das beweist auch und gerade die AfD, deren Strategie ist augenscheinlich ist, die Europameisterschaft mit wohlkalkulierten Billigprovokationen zu instrumentalisieren.

Es fing damit an, dass sich ein paar schwäbische Schwachmaten mit offensichtlich irrsinnig viel Freizeit ein klassisches Eigentor schossen, indem sie sich über Kinderbilder heutiger Nationalspieler auf Schokolade aufregten, als hätten sie mindestens seit 2006, seit Gerald Asamoah und David Odonkor, nichts vom Fußball in Deutschland mitbekommen. Die besondere Ironie daran freilich ist, dass – siehe oben – die bewusste Werbeaktion im Wust des schieren Reklame-Overkills untergegangen wäre oder vielleicht sogar für genervt-überreiztes Augenrollen gesorgt hätte. So aber verschaffte der AfD-Landesverband Baden-Württemberg dem sicherlich in vielerlei Hinsicht kritikwürdigen Konzert Ferrero munter Gelegenheit, sein Image aufzupolieren.

Nachdem dieser Testballon dann erfolgreich war, ging es weiter damit, dass Alexander Gauland äußerte, »die Leute« wollten Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben. »Die Leute« antworteten sehr umgehend und sehr zahlreich, dass sie diese Meinung nicht teilten. Auch AfD-Chefin Frauke Petry nutzte die Gelegenheit postwendend zur Retourkutsche gegen Gauland, der zuvor öffentlich gegen sie opponiert hatte.

Es folgte das AfD-typische Schema: Auf öffentliche Empörung zielende Provokation, anschließendes Abstreiten, dann relativieren und schließlich zurückrudern. Von falschen Zitaten war die Rede, von Erinnerungslücken, von gefälschten Umfragen. Gauland kam schließlich zu dem Schluss, »offensichtlich falsch gelegen« zu haben, da »Herr Boateng Deutscher und Christ ist«.

In dieser Aussage war zugleich bereits der nächste Akt der inszenierten Aufreger angelegt. Doch zunächst sollte noch ein Intermezzo durch Trixi von Storch folgen, die einen Artikel des Postillon (!) zum Anlass oder für bare Münze nahm und über die geplante Abschaffung der Nationalmannschaften zu Gunsten einer EU-Auswahl fabulierte.

Auch das ist letztlich sattsam bekanntes AfD-Repertoire. Es werden haltlose Dinge in den Raum gestellt, zur Tatsache deklariert und darauf aufbauend absurde Theorien konstruiert. Letztlich bewiesen jedoch sowohl der Opa im Vogelscheuchensakko als auch die Adels-Wirre mit Arbeitsplatz Brüssel damit, dass es ihnen um Fußball überhaupt nicht geht. Denn der – siehe Faröer-Inseln, siehe England, Schottland, Wales und Gibraltar – pflegt traditionell den landsmannschaftlichen Regionalismus. Eher wird einst Franken gegen Bayern Länderspiele austragen als die EU gegen Südamerika.

Und dass Jerome Boateng Deutscher ist, sollte spätestens seit dem WM-Titel vor zwei Jahren bekannt sein. Unvergessen der Moment, als der waschechte Berliner danach beim Empfang der Mannschaft auf die Bühne trat und sichtlich überwältigt auf die Masse ihm zujubelnder Menschen blickte. »Hallo Berlüüüün!«, rief Boateng, strahlend wie ein Honigkuchenpferd, und es bestand überhaupt kein Zweifel: da war jemand gerade nach Hause gekommen.

Nach der Vorarbeit durch Gauland übernahm dann wieder die Chefin höchstpersönlich und nahm sich Mesut Özil vor, der eben nicht »Deutscher und Christ« (könnte auch der Titel einer reaktionären Zeitschrift für Verschwörungstheoretiker und Identitäre sein) ist sondern Deutscher und Muslim. Anlass ihrer Kritik waren öffentliche Fotos von der Pilgerreise des Spielers nach Mekka. Frauke Petry witterte darin eine »politische Botschaft« – und natürlich nicht die, dass da ein praktizierender Muslim, der trotzdem deutscher Patriot ist, Offenheit demonstriert.

Petry verband ihre Unterstellungen denn auch gleich mit einem weiteren beliebten Populisten-Thema für Fußballturniere. Sie verlieh nämlich ihrem Bedauern Ausdruck, dass Özil die deutsche Nationalhymne nicht mitsinge.

Womit wir wieder beim Thema wären, dass im Fußball erstaunlich viel zur Wiedervorlage kommt. Denn ich habe es an anderer Stelle und aus ähnlichem Anlass schon einmal geschrieben und wiederhole es hier gern: Es hat schon immer Nationalspieler gegeben, die die Nationalhymne mitgesungen haben, und welche, die sie nicht mitgesungen haben. Und ich finde, das ist verdammte Axt jedermanns persönliche Sache. Und ich bin schon jetzt tierisch genervt davon, dass irgendwelche Dahergelaufenen, die angeblich gegen Eliten sind, von oben herab Vorschriften machen, sich einmischen und Urteile fällen – ganz elitär.

Es kann viele Gründe haben, warum jemand die Nationalhymne nicht mitsingt: Konzentration, Ergriffenheit, vielleicht auch mangelndes Sangestalent. Gut, dass man einfach mal respektvoll und demütig schweigen könnte, anstatt ständig einen rauszuhauen, das scheint für die AfD schlicht undenkbar. So viel habe ich ja begriffen.

Aber wenn wir schon bei Unterstellungen sind, so behaupte ich mal: Wer im Nicht-Mitsingen der Nationalhymne etwas Negatives sieht, der tut das, weil er es unbedingt will. Und er tut es, weil er selbst den am besten integrierten, den vorbildlichsten und unbescholtensten Migrantenkindern sagen will, dass sie für Deutschland zwar Titel im Fußball holen dürfen, aber trotzdem nie wirklich dazugehören sollen.

All das sagt natürlich nichts über Özil und Boateng aus und sehr viel über die AfD – und sei es nur, dass sie den Fußball, wie alles andere auch, zur Selbstinszenierung nutzt, ohne ihn auch nur andeutungsweise begriffen zu haben. Denn bei aller Rivalität, allem Ehrgeiz und allem Wettstreit soll der Fußball vor allem eines: Verbinden, nicht spalten.

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Eine Antwort auf Wie mir die AfD die Europameisterschaft verleidet

  1. Fyn sagt:

    Finde es sehr gut, dass du auch auf Boateng eingegangen bist, da grade dieser ja stark von der AFD ins Kreuzfeuer genommen wurde. Sehr gute Artikel!

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