WM-Film »Die Mannschaft«

Männer, die an Scheiben klopfen

Meine Erwartungen an den WM-Film »Die Mannschaft« waren schon nicht sonderlich hoch. Nachdem ich den Streifen nun aber am Freitag gesehen habe, muss ich konsterniert feststellen: Sie wurden locker unterboten. »Die Mannschaft« – das ist 90 Minuten ungepflegte Langeweile und verschwendete Lebenszeit.

Wir sehen Männer, die sich abklatschen und umarmen. Wir sehen Plastikkameraden, die sich unter der Beregnung durch die Rasensprenger hin und her wiegen. Wir sehen ein geheimnisvolles Notizbuch in Großaufnahme, in Szene gesetzt beinahe wie der Ring der Macht in Peter Jacksons Trilogie Der Herr der Ringe.

In dem Buch finden sich denn auch verschlungene Linien wie elbische Runen, dazu Kreuzchen und Pfeile und Dreiecke. Was sie bedeuten, erfahren wir nicht. Aber es sieht auf jeden Fall kompliziert aus, wissenschaftlich, nach viel Arbeit. Das mysteriöse Gekrakel kontrastiert mit fein säuberlich notierten Namen. »Mats« können wir lesen, und »Per« und »Phillipp«. Ein Funke des Verstehens glimmt auf. Ehrfurcht überkommt uns, denn wir werden uns gewahr, das, dieses unscheinbare Buch, auf das immer wieder abrupt gezoomt und das in Zeitlupe umgeblättert wird, wobei es »Wuuuusch! Wuuuusch!« macht – das muss das Allerheiligste des Fußballs sein.

Es gibt hektische Schnitte und Sprünge. Es gibt Zeitraffer und Zeitlupen, möglichst in Kombination. Ein Ball wird geschossen, fliegt erst in normalem Tempo, dann in Zeitlupe und dann wieder in normalen Tempo. Ein Spieler sprintet, erst in normalem Tempo, dann in Zeitlupe und dann wieder in normalen Tempo. Und natürlich macht es »Wuuusch!« dabei, denn ohne »Wuuuusch!« keine Dynamik.

Wir sehen Hotelangestellte zeitgerafft herumwuseln wie Ameisen. Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter. Die Optik ist Konzertfilmen entlehnt. Die Fußballer sind die Rockstars und die Hotelmitarbeiter die Roadies beim Bühnenaufbau. Einmal sehen wir drei Spielerköpfe im Profil. Queen lassen grüßen. Es sieht aus wie ein Plattencover. Was fehlt, ist nur noch der Ventilator, der das Haupthaar der Protagonisten dramatisch flattern ließe.

Wir erfahren weltbewegende Dinge, zum Beispiel, dass Joachim Löw früh morgens joggen geht, weil es ihm Spaß macht. Wir erfahren, dass die Analysen von Urs Siegenthaler für den Bundestrainer wichtig sind. Der DFB beschäftigt also tatsächlich Leute, deren Arbeit ihm etwas bringt. Spätestens da möchten wir aufspringen und voller Begeisterung ausrufen: »Mensch, ihr seid ja so Hightech, Digga!«

Wenn die Trainer Jogi, Andi und Hansi auf ihren Stühlchen sitzend Antworten auf Fragen geben, die im Film nie zu hören sind, dann wirken sie freundlich, aufgeräumt und onkelhaft. Wenn Manager Olli Bierhoff auf seinem Stühlchen sitzend etwas erzählt vom weißen Blatt Papier, das die Mannschaft selbst füllen sollte (Wann hat man je von ausgebuffteren Motivationsmethoden gehört!), dann ist der Hintergrund dunkel und ein Schlagschatten fällt auf sein Gesicht. Er lässt die Falten auf Bierhoffs Gesicht schärfer erscheinen, während seine Augen zugleich so angeleuchtet werden, dass sie so stahlblau wirken wie die von Daniel Craig. Tough. Klar. Analytisch.

So legt Bierhoff denn auch die Lesart für die Auftritte der deutschen Nationalmannschaft in einer brasilianischen Schule und bei einem indigenen Volk fest: »Nicht eingeigelt« habe man sich, den Kontakt gesucht. Es soll bloß niemand auf die Idee kommen nachzuhaken, ob sich die Situation der »Indianer« denn seitdem wirklich nachhaltig gebessert hat.

Aber ansonsten, das muss ich schon sagen, ist »Die Mannschaft« schon ein echt nachhaltiger Film. Wir erfahren zum Beispiel so viel Tolles über das Campo Bahia. Da kann man draußen essen. Das ist schön. Wir sehen den Ausblick aus den Zimmern aufs aquamarinblaue Wasser. Der ist auch schön. Wir sehen Hände, ganz entspannt über die Rückenlehne eines Liegestuhls hinausschauend. Auch das ist schön. Und das Beste ist: Die Szenen kann man recyclen, zum Beispiel für sonnenklar.tv und andere Verkaufsaktivitäten.

Wir sehen ausschließlich gut gelaunte Leute. Es wird viel gelacht. Nie blafft mal einer den anderen an. Nicht ein einziges lautes Wort fällt. Es gibt nichts zu kritisieren. Alles läuft perfekt, in Harmonie und Eintracht. Und immer scheint die Sonne. Nur als die Sprache mal auf den Autounfall beim Sponsorentermin kommt, regnet es prompt. Aber die gedrückte Stimmung wird uns nicht lange zugemutet. 30 Sekunden später grätscht Philipp Lahm schon wieder lachend durch eine Pfütze. Alles ist gut.

Nur der Fußball irgendwie nicht. Wenn wir Szenen aus den Spielen sehen, dann nur hektisch hineingeschnitten in andere Sequenzen. Und nie sehen wir schöne Spielzüge, nie gepflegte Kombinationen. Immer sind es nur Zweikämpfe und Kopfballduelle. »Pow!«, macht es dabei aus dem Off, wenn sich die Spieler umgrätschen, der Verdeutlichung von Härte und Dynamik wegen. »Pow! Pow!«, in einem fort.

Dann singt Christoph Kramer: »Venn ju säi nassing ätt ohl.« Wir warten, konditioniert, auf den Schnitt, der eigentlich spätestens nach 20 Sekunden kommen müsste. Doch so sehr wir ihn auch herbeisehnen, diesmal bleibt er aus. Bis zum bitteren Ende müssen wir uns die Darbietung anhören. Es ist dunkel. Die Gesichter der Spieler sind kaum zu erkennen. Manchmal lächeln sie und ihre Augen reflektieren das Restlicht, wie Nachtaufnahmen von Hyänen in einer Tierdoku.

Auch das Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker nach dem Achtelfinale gegen Algerien wird noch einmal in voller Länge gezeigt. Wir kennen es alle schon auswendig, aber es nimmt ein paar Minuten von der Uhr. Anschließend, immerhin, dürfen wir einen von vielleicht insgesamt drei Momenten des Films erleben, in dem wir etwas tatsächlich Neues erfahren. Mertesacker sagt nämlich, er habe in diesem Interview »vielleicht zum ersten mal in seinem Leben ehrlich sein« wollen.

Manchmal sehen wir tatsächlich Szenen aus dem Training, so für 30 Sekunden. Wenn der Ball dabei ist, wird geflachst, gejubelt und gelacht. Wenn Gewichte und Gummibänder im Spiel sind, gibt’s knackige Gitarrenriffs dazu. Ich warte auf die Rocky-Fanfare. Nicht, dass noch irgendwer verpasst, dass es jetzt aber mal so richtig zur Sache geht und Schweiß fließt.

Die meiste Zeit scheinen die Spieler aber etwas anderes gemacht zu haben. Darts oder Tischtennis oder Golf. Vor allem Golf. Thomas Müller hat sogar einen Brief an den Bundestrainer geschrieben, erfahren wir, und die Erlaubnis zum Golfspielen eingeholt. Dazu war ja auch genügend Zeit, denn glaubt man dem Film, ist Fußball sowieso total einfach. Fußball besteht daraus, dass man zusammen im Kreis steht, sich gegenseitig die Hände auf die Schulter legt und in der Mitte steht einer und ruft: »Wir sind die Besten und haben die Längsten!«

Und dann gehen die raus und hauen jeden Gegner weg. Einfach so.

Ich kann diese ganze Informationsflut kaum mehr bewältigen, bin emotional vollkommen gepackt. Ich höre Philipp Lahm die Mannschaft heiß machen. Sehen kann ich ihn nicht, der Adrenalinzwockel ist von den Rücken seiner Mannschaftskameraden verdeckt. An anderer Stelle hält Roman Weidenfeller die Rede, an wieder anderer Joachim Löw. Der Bundestrainer klingt dabei merkwürdigerweise wie ein schwäbischer Lord Voldemort am Hinterkopf von Professor Quirrel.

Anstrengend ist so eine WM aber schon auch, wird uns vermittelt. Das merkt man an den ausgelaugten Gesichtern der Spieler, wenn zu nächtlicher Stunde auf der Heimfahrt das flackernde Licht von Rundumkennleuchten auf sie fällt. Und an der dazu passenden schwülstigen Bedauer-Musik.

Da hilft nur eines: Viel trinken! Aus Bechern des WM-Sponsors natürlich. Von dem steht zufällig auch ein Kühlfach mitten in der Kabine. Und wenn Joachim Löw während einer PK mal abseits des Podiums kontemplierend an der Wand lehnt, wird er froh gewesen sein zu wissen, dass der geldgebende Getränkehersteller auch da nicht fern war. Formatfüllend ist sein Rot mit dem weißen Schriftzug im Hintergrund zu sehen.

Die letzte Viertelstunde des Films gehört ausgelassenen Jungmillionären, die Stadiongesänge schmettern und dabei im Takt an die Scheibe vom Mannschaftsbus klopfen. Mir bleibt angesichts von so viel Action kaum Zeit, über Details nachzudenken. Trotzdem frage ich mich, ob es einen solchen Film auch gegeben hätte, wenn Argentinien das Finale gewonnen hätte. Und was hätte die deutsche Fluggesellschaft dann eigentlich auf ihre Maschine geschrieben? »Zweitflieger«?

Zum Schluss sehen wir den Empfang der Mannschaft in Berlin. Musik und Schnitt kaschieren den dämlichen »Gaucho-Tanz«. Und dann sagt Löw doch noch etwas Gehaltvolles: Dass man mit Zusammenhalt Probleme bewältigen und Großes erreichen kann. Es könnte die Botschaft dieses Films sein. Aber es bleibt ein Schmuckverslein in einem überdimensionierten Werbefilm.

Meine Filmnotizen ...

Kein weltmeisterlicher Film: Mangels Inhalt blieb es für mich bei einer leeren Seite.

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