WM-Kader Deutschland Joachim Löw

Nicht nachvollziehbar

Apropos »Spiele, die keiner braucht«: Da war ja auch noch dieses vollkommen unsinnige Freundschafts-Länderspiel gegen Polen zum Saisonausklang. Sportlich brachte das keinerlei Erkenntnisse, verdeutlichte aber wieder einmal die Bevorzugung von Spielern aus Freiburg und Stuttgart durch Bundestrainer Joachim Löw.

Ja, ja, schon klar: Jedes mal, wenn der Nationalmannschaftskader für ein großes Turnier bekannt gegeben wird, diskutiert Fußball-Deutschland hitzigst darüber, wie es denn sein kann, dass dieser und jeder Spieler nominiert wurde und dieser und jener nicht. Das soll auch so sein. Nicht umsonst macht der DFB aus der Bekanntgabe des Kaders inzwischen ein gesteuertes Medienereignis mit Pressekonferenz und allem Pipapo (auch wenn diese stinklangweilig war und Bundes-Jogi wie üblich jedwede substantielle Erklärung für seine Entscheidungen schuldig blieb).

Es ist toll, dass Joachim Löw einen vorläufigen WM-Kader von 30 Mann berufen kann, bei dem er nicht auf Härtefälle wie Marcell Jansen, Mario Gomez, Heiko Westermann oder René Adler angewiesen ist und auf einen Max Kruse verzichten kann. Noch toller ist es, dass er obendrein acht weitere Spieler in der Hinterhand hat, die er auf internationalem Niveau sieht. Das bedeutet nämlich (wenigstens grundsätzlich), dass es gut über 40 potenzielle deutsche Nationalspieler gibt. So viel Auswahl war selten. Fragen Sie mal nach bei den Engländern, wo das mit dem Nationalmannschafts-Beinamen »The Three Lions« inzwischen beinahe wörtlich zu nehmen ist, weil die Premier League kam mehr als drei Aufrechte produziert, die für die FA spielberechtigt sind.

Gleichwohl erinnert Joachim Löws munteres Nationalspieler-Roulette auf seine Art an die Zeiten von Berti Vogts – nur dass dieser kein Verwalter des Überflusses war sondern ein Verwalter des Mangels. Vogts und seine mannigfaltigen Nachfolger (einschließlich Löw-Vorgänger Jürgen Klinsmann) mussten die Schlafmützigkeit ausbaden, die den deutschen Fußball nach dem WM-Gewinn 1990 befallen hatte. Man war auf dem Gipfel und verkannte dabei, dass der Gipfel in der Regel ein Punkt ist und keine ausgedehnte Fläche. Künftige Nationalspieler sollten damals »von selbst« unbegrenzt aus der ehemaligen DDR nachkommen.

Tatsächlich jedoch hatten Berti Vogts und Co. nie ein unerschöpfliches Reservoir an potenziellen Nationalspielern zur Verfügung, weswegen altgediente Spieler teils weit über ihren Zenit hinaus berufen, teils Spieler im Hauruckverfahren eingebürgert wurden (etwa Sean Dundee und Paulo Rink). Unter Vogts galt: »Hast du einen deutschen Pass oder kannst du irgendwie einen bekommen und bist du Stammspieler in der Bundesliga, dann bist du auch Nationalspieler.«

Unter Jogi Löw scheint indes noch nicht mal letzteres Kriterium zu gelten, wenn er statt Stammspielern wie Matthias Ostrzolek (FC Augsburg, 70 Bundesligaspiele) oder Bastian Oczipka (Eintracht Frankfurt, 82 Bundesligaspiele) lieber einen Erik Durm beruft, der bei seinem Verein Borussia Dortmund nur der Ersatzmann hinter dem etatmäßigen Linksverteidiger Marcel Schmelzer ist.

Dass Marcell Jansen vorerst aus dem Reigen der Bewerber für die Linksverteidigerposition ausgeschieden ist, wäre angesichts der zahlreichen Verletzungen des Spielers und des Abschneidens des Hamburger SV in der gerade abgelaufenen Bundesligaspielzeit ja noch verständlich – wenn, ja wenn, Löw denn nur so etwas wie Logik, Konsequenz oder Nachvollziehbarkeit erkennen lassen würde. Aber das tut er nicht. Den gerade erst von einem Kreuzbandriss genesenen Sami Khedira nimmt er mit, ebenso den noch angeschlagenen Miroslav Klose, aber Mario Gomez lässt er mit Verweis auf dessen Fitnesszustand nach langer Verletzungspause daheim. Marcell Jansen vom Tabellen-16. ist kein Thema für die Nationalmannschaft mehr, wohl aber ein Antonia Rüdiger vom Tabellen-15. VfB Stuttgart. Das verstehe, wer will.

Denn bei aller Liebe: Spieler wie Rüdiger mögen hoch veranlagt sein. Aber in der Nationalmannschaft sollte es doch tunlichst um nachgewiesene Fähigkeiten gehen und nicht um potenzielle. Wenn Potenzial die Maßgabe ist, dann gehört nämlich ein Marcell Jansen immer noch in die Nationalelf – »potenzielle internationale Klasse« hat er ja. Ich habe außerdem wirklich höggschden Reschbegd vor dem SC Freiburg, der es wieder geschafft hat, die zahlreichen Abgänge von Schlüsselspielern durch seine Nachwuchsarbeit zu kompensieren. Aber Oliver Sorg und Christian Günter in der Nationalmannschaft? Ein Länderspiel- bzw. WM-Kader mit vier Spielern aus Freiburg und Stuttgart, aber nur einem vom Champions-League-Aspiranten Leverkusen?

Das sieht doch arg nach einer gewissen Bevorzugung von Klubs aus, zu denen Löw aus seiner Vergangenheit als Aktiver und Trainer eine persönliche Verbundenheit hat, zumal ein Nationaltrainer nicht wie ein Vereinstrainer auf die Altersstruktur in einer Mannschaft achten und Talente sichten muss – erst recht nicht unmittelbar vor einem Turnier. Vor einem Turnier hat es lediglich darum zu gehen, wer aktuell am besten drauf ist und mit wem die Titelchancen am größten sind – und wenn es mit einem Kader ist, dessen Altersschnitt bei 33 Jahren liegt. Als Miro Klose nach der Europameisterschaft 2012 weiter machen durfte, hat Löw ja offenkundig auch nicht interessiert, dass der Stürmer-Oldie zu Beginn der WM-Endrunde 36 Jahre alt sein würde.

Jetzt rächt sich, dass der Bundestrainer in seiner typischen Art so lange einen Eiertanz um und mit Stefan Kießling aufgeführt hat. Kevin Volland ist ein bärenstarker Stürmer und er wäre die ideale Ergänzung hinter Klose und Kießling – aber ein Sturm nur mit Klose und Volland wird nicht ausreichen.

Streiten kann man meiner Meinung nach entsprechend trefflich über die Nichtberufung von Gladbachs Max Kruse. Sollte tatsächlich »Damenbesuch« im Nationalmannschaftshotel der Grund dafür sein, wäre das obendrein ausgesprochen lächerlich, aber bei Löw halte ich derlei Kinderkram tatsächlich für möglich. Man mag mir außerdem vorwerfen, eine Fanbrille aufzuhaben, aber wie Löw Ron-Robert Zieler statt Marc-André ter Stegen als dritten Torwart nominieren konnte, erschließt sich mir einfach nicht. Der Hannoveraner war in der abgelaufenen Saison nicht nur schlechter als sein Konkurrent aus Mönchengladbach, er war auch schlechter als Leverkusens Bernd Leno oder Schalkes Torwart-Aufsteiger Ralf Fährmann.

Überhaupt fällt auf, dass die Spieler der künftigen deutschen Europapokalteilnehmer im Kader von Bundestrainer Löw unterrepräsentiert sind. Shkodran Mustafi von Sampdoria Genua, dem Tabellen-12. der Serie A, steht im vorläufigen deutschen WM-Kader, aber nicht ein einziger Mainzer (wie Stefan Bell) oder Wolfsburger (wie Robin Knoche). Der Mönchengladbacher Christoph Kramer ist erst nach dem Polen-Spiel ins Aufgebot gerutscht, als sei die Unwucht im Mittelfeld erst zu diesem Zeitpunkt aufgefallen. Kramers Mannschaftskollege, der auf allen Positionen der Viererabwehrkette und im defensiven Mittelfeld einsetzbare Allrounder Tony Jantschke, findet bei Joachim Löw ebenso wenig Beachtung wie Daniel Baier, der Schlüsselspieler in der Augsburger Überraschungsmannschaft.

Löw zieht lieber Innenverteidiger wie Benedikt Höwedes auf die ungewohnte und ungeliebte rechte Außenbahn, als Spielern eine Chance zu geben, die auf dieser Position zu Hause sind. Und im offensiven Mittelfeld probiert er mit Leon Goretzka und Max Meyer die zigsten Frischlinge aus, obwohl in diesem Mannschaftsteil nun wahrlich ein Überangebot herrscht – perspektivisch, wie er sagt. Für die Zeit nach der WM in Brasilien – wenn er möglicherweise gar nicht mehr Bundestrainer ist.

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