Zum Tod von Johan Cruyff

Der Besondere

Meine erste Erinnerung an Johan Cruyff ist ein Doppelinterview mit ihm und Otto Rehhagel, geführt von Reinhold Beckmann im Rahmen der Sendung ran. Beckmann war ehrfürchtig, seine beiden Gesprächspartner nicht. Und so kam es, dass dem damals noch jungen Moderator zwei zerknitterte Herren gegenüber saßen, ihre Langeweile zur Schau stellten und sich einen Spaß daraus machten, den bedauernswerten Beckmann genüsslich zu grillen. Für mich, der ich Querköpfe liebe, war es damals ein Heidenspaß.

»Sie nennen ihn Johan!«, sagte Beckmann voller Erstaunen zu Rehhagel. »Karl-Konrad [an den von Rehhagel tatsächlich verwendeten Namen erinnere ich mich aus dem Gedächtnis leider nicht mehr] heißt er ja nun mal nicht«, antwortete Rehhagel im Rausch der Arroganz und Cruyff feixte sich eins. An dieses missglückte Interview muss ich bis heute bei jeder Pressekonferenz von Pep Guadiola denken. Wenn der Katalane spricht, in all seinem zwischenzeiligen »Meiner Meinung nach habt ihr keine Ahnung, aber laut Stellenbeschreibung muss ich eben was erzählen!«, höre ich Cruyff. Wenn Guardiola ein T-Shirt mit aufgedrucktem Polit-Hashtag trägt, grüßt Cruyff, der seinen Sohn einst zum Missfallen der Franco-Regierung nach dem katalanischen Nationalheiligen benannte.

Wir sind es heute gewöhnt, den FC Barcelona in der Champions League zu sehen, ihn zu den Titelanwärtern zu zählen, mindestens aber bis zum Halbfinale mit ihm zu rechnen. Doch im schnelllebigen Fußball, in dem zehn Jahre eine Spielergeneration sind und ständig neue Fans nachrücken, für die der Ist-Zustand die Normalität ist, gerät vielleicht in Vergessenheit, dass der FC Barcelona seinen ersten Titel im Europapokal der Landesmeister erst 1992 gewinnen konnte – unter Johan Cruyff als Trainer.

Mit dem Niederländer an der Seitenlinie verlor der selbe FC Barcelona aber auch sein erstes Endspiel in der Champions League sang- und klanglos mit 0:4 gegen den AC Mailand. Aber das Besondere an Cruyff ist eben, dass sein Wirken weit über Erfolge und Misserfolge hinaus geht – und das lässt sich wohl nur über die wenigsten Trainer sagen.

Cruyff drückte gleich zwei Vereinen als Spieler wie als Trainer seinen Stempel auf, Ajax Amsterdam und eben dem FC Barcelona. Im niederländischen Fußball waren seine Konzepte dabei spätestens seit Rinus Michels grundsätzlich angelegt und musste »nur noch« verfeinert und adaptiert werden. Cruyffs eigentliches Meisterstück bestand darin, seine Philosophie auch im Ausland ins Werk zu setzen.

Heute kennt jeder das Spielsystem des FC Barcelona, das in allen Mannschaften des Vereins gespielt wird, auch im Nachwuchs, und das trotzdem so flexibel ist, Platz für individuelle Klasse zu lassen.

Natürlich sind Cruyffs Konzepte nicht fehlerfrei – schon allein deshalb nicht, weil sogenannte »starke Männer« und »Alphatiere« stets zu Eitelkeit neigen, schlecht delegieren und noch schlechter loslassen können. Auch Cruyff war darüber nicht völlig erhaben. Reinhold Beckmann könnte als Journalist sicherlich ein Liedchen davon singen und auch beim FC Barcelona mussten sie immer damit leben, dass der meinungsstarke Übervater nie ganz von seiner Herzenssache lassen konnte. Am verhängnisvollsten aber wirkte sich die Überheblichkeit der Großen sicherlich im WM-Finale 1974 aus, als Cruyff und Co. die deutsche Mannschaft nach der frühen Führung vorführen wollten, anstatt die Partie sauber zu Ende zu spielen.

Dennoch: Johan Cruyff hatte das Format, die Weitsicht und wohl auch den reflektierten Abstand zu sich selbst, um alle Weichen so zu stellen, dass er irgendwann nicht mehr gebraucht werden würde, auch wenn es ihn erkennbar schmerzte, als es dann so weit war.

Viele Vereine auf der Welt streben eine vom Klub vorgegebene und vom wechselnden Führungspersonal unabhängige Philosophie an, damit es bei Trainerwechseln nicht zu Brüchen und Abstürzen kommt. Viele Vereine wollen auf die Jugend setzen, tun es aber erst dann, wenn klamme Kassen sie dazu zwingen. Viele Vereine wollen flächendeckend scouten, Talente entdecken und fördern, statt nur in teure gestandene Spieler zu investieren. Den wenigsten gelingt es.

In Deutschland gibt es mit dem SC Freiburg vielleicht einen Verein, der eine solche Philosophie konsequent verfolgt. Ansonsten jedoch fängt selbst der Branchenprimus Bayern München gerade erst an, Strukturen aufzubauen, die denen der Katalanen ähneln. Nachdem unter Louis van Gaal zwischenzeitlich mit Thomas Müller, Holger Badstuber und David Alaba drei Akteure aus der eigenen Jugend an Top-Niveau herangeführt wurden, beschränkte sich die Nachwuchsarbeit der Münchener zuletzt nämlich wieder vornehmlich auf das Abwerben von Talenten anderer Vereine für viel Geld.

Der FC Barcelona indes hat das Scouting, das einen Lionel Messi entdeckt oder einen Ivan Rakitic holt, den man in Gelsenkirchen für kleines Geld verscherbelte. Er hat die Jugendarbeit, die auf Vereinsebene zu Champions-League-Titeln und in der Nationalmannschaft zu Welt- und Europameisterschaften führt. Er hat die Spielphilosophie, die nicht unknackbar ist und nicht völlig vor Schwankungen schützt, wenn große Trainer ihn verlassen, aber dennoch übergeordnet ist, Identität stiftet und ihn in der Weltspitze etabliert hat. All das könnte sich als unschätzbar wertvoll erweisen, wenn die Premier League ab der kommenden Saison auf Einkaufstour geht.

Und zu verdanken ist diese Ausnahmestellung vor allem Johan Cruyff.

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